Zukunft der Meere Zu warm, zu hoch, zu sauer

Mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Doch der Zustand der Meere ist besorgniserregend: Überfischung, Plastikmüll und Schadstoffe haben bereits zu massiven Veränderungen geführt. Doch wie soll man den Hunger von sieben Milliarden Menschen stillen, ohne die natürlichen Grenzen unseres Planeten zu überschreiten?

Ein Gastbeitrag zum UN-Gipfel Rio+20 von Klaus Töpfer und Sebastian Unger

Klaus Töpfer war Bundesumweltminister sowie Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP. Derzeit leitet er das Institute for Advanced Sustainability Studies, IASS, in Potsdam. Sebastian Unger ist Wissenschafts-Koordinator am IASS.

Ein Atlantischer Nordkaper hat sich vor Cape Cod, Massachusetts, in einem schweren Fischernetz verfangen.

(Foto: DPA)

Es ist eine der wesentlichen Fragen der Menschheit: Wie schaffen wir es, in Zukunft den wachsenden Hunger nach Nahrung und Energie zu stillen, ohne dabei die natürlichen Grenzen unseres Planeten zu überschreiten? Ein bedeutender Teil der Antwort, nach der zurzeit auch die Staats- und Regierungschefs auf dem Erdgipfel "Rio+20" in Rio de Janeiro suchen, ist in den Meeren zu finden.

Deren Zustand ist besorgniserregend: Überfischung, Plastikmüll und Schadstoffe, dazu noch die Auswirkungen von Seeschifffahrt und Ölförderung haben dazu geführt, dass der Mensch mehr als 40 Prozent der Meere stark beeinflusst hat und diese nicht mehr im Naturzustand sind. Hinzu kommen die Folgen des steigenden Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen hat die Zukunft der Meere so zusammengefasst: zu warm, zu hoch, zu sauer.

Besonders deutlich werden die Auswirkungen in der Arktis sein: Mit steigenden Temperaturen schmilzt das Eis, werden die Nahrungsketten im Meer beeinträchtigt. Vormals eisbedeckte Gebiete werden für Öl- und Gasbohrungen oder neue Schifffahrtsrouten geöffnet. Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen prägte für dieses neue, zunehmend vom Menschen beeinflusste Erdzeitalter einen neuen Namen, das Anthropozän: Die Menschheit wirkt heute wie eine quasi-geologische Kraft, welche die Abläufe des natürlichen Erdsystems tiefgreifend und unumkehrbar verändert - falls es so wie gewohnt weitergeht.

Mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Meeren bedeckt. Meereswissenschaftler warnen längst, dass der Einfluss des Menschen auf die Meeresumwelt in den nächsten Jahren zu einem Artensterben führen könnte, dessen Ausmaß und Auswirkungen wir nur erahnen können. Heute leben bereits sieben Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Von diesen ernähren sich fast drei Milliarden primär aus den Meeren. Mit einer weiter wachsenden Bevölkerung wird auch der Hunger auf Fisch zunehmend schwer zu stillen sein. Ban Ki Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen, fordert daher zu Recht, die nachhaltige Nutzung der Meere zu den wichtigsten Zielen von Rio+20 zu zählen.