Wissenschaftsverlage Ohne Open Access gibt es keine Zukunft

Bibliotheken versammeln das Wissen der Welt. Bisher mussten sie den Verlagen dafür viel Geld zahlen. Das soll sich ändern.

(Foto: dpa)
  • Erstmalig haben auf der Open-Access-Konferenz in Berlin Vertreter der Forschung mit den drei größten Wissenschaftsverlagen diskutiert.
  • Ziel der Verhandlungen ist ein freier Zugang zu allen wissenschaftlichen Publikationen.
  • Ein Lösungsmodell existiert, jedoch zeigen sich nur zwei Verlage kooperativ.
Von Jan Schwenkenbecher

Es ist kurz nach halb zehn Uhr am Morgen, als Jeffrey MacKie-Mason die Zustimmung der ganzen Welt einholt. "Ist Schweden dabei?", fragt der Wirtschaftsprofessor von der kalifornischen Berkeley-Universität und wendet sich nach links zu Astrid Söderbergh Widding, Präsidentin der Universität Stockholm. "Schweden ist dabei", antwortet sie. MacKie-Mason nickt zufrieden. Nach und nach geht er alle auf dem Podium sitzenden Teilnehmer durch. Auch China, die Niederlande, Südafrika, Japan, die europäischen Forschungsförderer und Universitäten sind dabei. Die kleine Show soll eine Botschaft vermitteln: Wir, die Wissenschaft, stehen zusammen und wollen Open Access. Empfänger der Nachricht ist Ron Mobed, der CEO des weltweit größten Wissenschaftsverlags Elsevier, der freundlich lächelnd am Rednerpult steht. MacKie-Mason dreht sich zu Mobed: "Ron, sind Sie auch dabei?"

Es ist die große Frage der Open-Access-Bewegung. Meinen es die Verlage ernst, wenn sie sagen, auch sie arbeiteten daran, den freien Zugang zu Wissen zum weltweiten Standard zu machen? Um einer Antwort näher zu kommen, hat die von der Max-Planck-Gesellschaft koordinierte Initiative "OA2020" am vergangenen Dienstag erstmals die drei größten Verlage zur 14. Berliner Open-Access-Konferenz in ihr Tagungszentrum geladen. 2003 fand hier die erste Konferenz statt. Im Goethe-Saal, wo sich nun Mobed den Fragen stellt, unterzeichneten die Teilnehmer damals die "Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen", das Manifest der Open-Access-Bewegung.

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Seither kamen verschiedene Initiativen und Ideen auf, die Gemeinschaft diskutierte und stritt. Heute ist man sich größtenteils einig, wie der Wechsel weg vom Abo-System hin zu Open Access gelingen kann: mit Transformationsvereinbarungen. Nicht mehr soll jede Bibliothek ihre eigenen Abonnements haben. Stattdessen soll es für ein paar Jahre, bis alles Open Access ist, ein Riesen-Abo für jedes Land geben. Die Bedingungen: Forscher sollen ihr Urheberrecht nicht länger an die Verlage abgeben müssen. Alle Artikel von Forschern aus dem jeweiligen Land sollen frei zu lesen sein. Und weil beim Open-Access-Modell die Forscher bezahlen, was die Verlage leicht aufschlagen könnten, gilt außerdem, dass die Länder insgesamt nicht mehr zahlen als vorher. Über die Details hört man auf der Konferenz hier und da ein paar Bedenken, doch im Großen sind sich die 170 Teilnehmer aus 37 Ländern einig.

Diese Einigkeit sollen nun auch die Verlage mitbekommen, und dazu hat die OA2020-Initiative die größten drei erstmals zur Konferenz hinzu gebeten. So stellen sich nach und nach Daniel Ropers, CEO von Springer Nature, und Guido Herrmann, Verlagsgeschäftsführer von Wiley in Deutschland, den Fragen der Wissenschaftsgemeinde. Und Elsevier-Chef Ron Mobed, der dem Ökonomen MacKie-Mason gerade erklären soll, ob er bei den Transformationsvereinbarungen dabei ist.

Mobed, der zunächst eingesteht, Elsevier habe vor einigen Jahren den Einstieg verpasst, versuche nun aber aufzuholen, sagt: "Wir haben eine Vielzahl von Angeboten, die zu den Anforderungen passen." MacKie-Mason, Astrid Söderbergh Widding und Xiaolin Zhang aus China fragen nach: Wird Elsevier komplett auf Open Access umbauen? Wird es Transformationsvereinbarungen geben? Wie viele Abonnenten müssten noch kündigen, bis Elsevier reagiere? Stets verweist Mobed auf die Vielzahl der Elsevier-Angebote, die zu den Anforderungen passen, und mit jedem Mal wird das Stöhnen im Saal etwas lauter. Schließlich meldet sich aus der ersten Reihe Ulrich Pöschl, Direktor des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie, im Namen des Publikums zu Wort: "Sie bieten keine Optionen an, Sie verweigern den Dienst. Warum bieten Sie nicht das an, was wir verlangen?" Applaus.

Bei Herrmann von Wiley wird die Stimmung weniger angespannt sein, bei Ropers von Springer Nature wird sogar gemeinsam gelacht. Gerade Letzterem glauben einige im Saal, dass der Verlag den Wechsel wirklich will. Schon 2008 übernahm der Konzern etwa den Open-Access-Verlag Biomed Central. "Wir haben mehr für die Entwicklung von Open Access getan als all die anderen Verlage", so Ropers. Einer von drei Open-Access-publizierten Artikeln erscheine bei Springer Nature.

Wiley und Springer Nature haben bereits Vorformen der Transformationsvereinbarungen umgesetzt, etwa in den Niederlanden. Für Deutschland wird Ähnliches verhandelt. Im Herbst 2016 schlossen sich zahlreiche Unibibliotheken und andere Abonnenten im "Projekt Deal" zusammen und ließen ihre Verträge bei den großen Verlagen auslaufen, um Druck aufzubauen. Wiley und Springer Nature boten Übergangslösungen ohne Preissteigerung für 2018 an. Am Dienstag gab Springer Nature bekannt, diese auch für 2019 zu verlängern, weil die Verhandlungen so weit fortgeschritten seien, dass man spätestens Mitte des Jahres eine bundesweite Einigung erzielen werde. Mit Elsevier hingegen gibt es keine Übergangslösung, und seit Juli 2018 hat der Verlag mehr als 200 deutschen Institutionen den Zugang abgeschaltet.

Doch auch Wiley und Springer Nature treiben den Wechsel nicht um jeden Preis voran. Ropers und Herrmann verweisen, wie auch Mobed, stets darauf, dass nicht alle Forscher und Förderer den schnellen Umstieg wollen. Einerseits liegen sie nicht ganz falsch. Als Science Europe, der Zusammenschluss der europäischen Forschungsförderer, im September seine "cOAlition S" vorstellte - in der sich mittlerweile 13 europäische Förderer dazu verpflichtet haben, von 2020 an nur noch frei zugänglich publizierte Projekte zu fördern -, gab es nicht nur Jubel. Eine schwedische Biochemikerin verfasste einen offenen Brief dagegen, den mehr als 1400 Forscher unterschrieben. Sie kritisiert, dass die Forscher nicht mehr in renommierten Zeitschriften wie Science oder Nature veröffentlichen können, weil die kein Open Access anbieten. Andererseits lohnt es sich für die Verlage schlicht nicht, zu schnell zu viel umzustellen. Die Hälfte aller Magazine sind derzeit Hybrid-Journale - man muss sie abonnieren und kann in ihnen dennoch einzelne Artikel nach dem Open-Access-Prinzip publizieren, wenn die Forscher dafür zahlen. Ohne Transformationsvereinbarungen kassieren die Verlage hier gleich zwei Mal ab.

Insgesamt aber steigt der Open-Access-Anteil beständig. 16 Prozent sind es aktuell etwa. 100 Prozent werden es wohl nie, aber bei 80 bis 90 Prozent könnte man von einem kompletten Wandel sprechen. Wann es soweit sein wird? MacKie-Mason sagt: "Drei bis fünf Jahre ist möglich." Ropers ist etwas zurückhaltender: "Wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen und in fünf Jahren 40 bis 50 Prozent des Marktes Open Access wären, dann könnten in zehn Jahren 80 bis 90 Prozent Open Access sein."

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