Wissenschaftspolitik "Coca-Cola hat Forschungsverträge ausgehandelt"

Hat der Coca-Cola-Konzern Einfluss auf wissenschaftliche Studien genommen?

(Foto: Benoit Tessier/Reuters)
  • 87 013 Seiten an vertraulichen Unterlagen haben britische und amerikanische Forscher gesichtet, um den möglichen Einfluss des Coca-Cola-Konzerns auf wissenschaftliche Studien zu untersuchen.
  • Demnach sicherte sich Coca-Cola in mindestens einer vertraulichen Forschungsvereinbarung das Recht, die Studiendaten der Forschungsprojekte zu prüfen, bevor die Wissenschaftler sie in einem Fachjournal veröffentlichen.
Von Astrid Viciano

Die schiere Anzahl an Dokumenten dürfte selbst ausgebufften Sachbearbeitern den Atem rauben. Nicht weniger als 87 013 Seiten an vertraulichen Unterlagen haben britische und amerikanische Forscher gesichtet. Eine Mammutaufgabe, die vor allem ein Ziel hatte: den möglichen Einfluss des Coca-Cola-Konzerns auf wissenschaftliche Studien zu untersuchen.

"Mit Hilfe der Dokumente konnten wir uns verborgene Strategien des Konzerns ansehen", erklärt Gary Ruskin, Co-Direktor der Verbraucherorganisation U.S. Right to Know, der seine Ergebnisse mit Kollegen im Journal of Public Health Policy publiziert hat.

In mindestens zwei Fällen durfte der Konzern mitentscheiden, ob Ergebnisse publiziert werden

Demnach sicherte sich Coca-Cola in mindestens einer vertraulichen Forschungsvereinbarung das Recht, die Studiendaten der vom Konzern finanzierten Forschungsprojekte zu prüfen, bevor die Wissenschaftler sie in einem Fachjournal veröffentlichen. Auch durfte der Konzern in mindestens zwei Abkommen darüber bestimmen, ob die Ergebnisse überhaupt publiziert werden. "Coca-Cola hat demnach Forschungsverträge ausgehandelt, die dem Konzern versteckte Befugnisse gaben, von ihm finanzierte Studien zu beeinflussen oder sogar zu beenden", erklärt Ruskin, der sich seit Jahren mit multinationalen Unternehmen befasst.

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Um an die vertraulichen Dokumente zu gelangen, hatten Ruskin und Kollegen zwischen 2015 und 2018 insgesamt 129 Anfragen an öffentliche Einrichtungen in den USA, in Kanada und Australien, Dänemark und Großbritannien gestellt. Sie beriefen sich darin auf das Informationsfreiheits-Gesetz, das die Einsicht in Unterlagen öffentlicher Institutionen ermöglicht.

Unter den 87 013 Seiten fanden sie fünf Forschungsvereinbarungen von Coca-Cola aus den Jahren 2010 bis 2015, zwei davon mit der Louisiana State University und je eine mit der University of South Carolina, der University of Toronto und der University of Washington. "Das mag auf den ersten Blick wenig erscheinen. Doch diese Vereinbarungen bekommt normalerweise niemand zu Gesicht", sagt Sarah Steele, Co-Autorin der Studie und Rechtswissenschaftlerin an der Cambridge University.

Coca-Cola schreibt auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung, dass der Konzern Transparenz und Integrität in der Forschung als wichtig erachte. Auf einer Internetseite gebe das Unternehmen einen Überblick über die gesamte von Coca-Cola geförderte Forschung zu Ernährung, Gesundheit, aktivem Lebensstil. Die Auflistung reiche bis ins Jahr 2010 zurück, seit 2016 finanziere Coca-Cola allein keine Forschungsprojekte in diesen Bereichen mehr.

"Die Forscher können nichts dagegen tun"

Sogar eigene Leitlinien hat das Unternehmen veröffentlicht, nach denen sich die unterstützte Forschung richten soll. So sollen die Wissenschaftler vollständige Kontrolle über das Design, die Ausführung, die Analyse und die Interpretation ihrer Studienergebnisse behalten. "In keinem Fall hat Coca-Cola das Recht, die Publikation von Forschungsergebnissen zu verhindern", heißt es dort.

Dem widersprechen die Autoren der aktuellen Arbeit. Im Wust der Unterlagen fanden Ruskin und Kollegen zwar keine Hinweise darauf, dass Coca-Cola konkret in die tägliche Forschungsarbeit eingegriffen hätte. In zwei Abkommen behielt sich der Konzern aber vor, Studien jederzeit zu beenden. Laut einer der beiden Vereinbarungen konnte Coca-Cola die Wissenschaftler sogar verpflichten, ihre Arbeit fristlos abzubrechen und sämtliche Daten und Dokumente an den Konzern zu schicken.

Dieses Abkommen hatte der Konzern mit einem medizinischen Forschungszentrum der Louisiana State University geschlossen. Einen Grund für den Studienabbruch definierten beide Abkommen nicht. "Die Forscher können nichts dagegen tun", sagt Steele. Die Öffentlichkeit erfahre nicht einmal, dass ihr Projekt jemals existiert hat.

Coca-Cola weist darauf hin, dass die Studie auch Beispiele zeige, in denen Forscher restriktive Regelungen aus Verträgen entfernt haben. Einen Beweis für das Verhindern einer Veröffentlichung liege im aktuellen Fachartikel zudem nicht vor. Ruskin und Kollegen meinen jedoch, in einem E-Mail-Austausch Hinweise auf einen solchen Studienabbruch entdeckt zu haben.

Von einem "erheblichen Mitspracherecht" Coca-Colas in wissenschaftlichen Projekten berichtet in einer weiteren E-Mail der Direktor des für Stipendien und Forschungsfinanzierung zuständigen Instituts der University of South Carolina an einen Professor für Public Health. Der Absender des Schreibens erscheint darüber keineswegs empört, im Gegenteil: Er kann an diesen Absprachen nichts Falsches finden, bezeichnet sie als typische Forschungsvereinbarungen mit der Industrie.

Eben darum fordert Ruskin künftig mehr Skepsis, wenn Unternehmen wissenschaftliche Studien finanzieren, nicht nur Coca-Cola. "Fachjournale sollten Forscher künftig dazu verpflichten, Vereinbarungen mit der Industrie offenzulegen", fordert auch Steele.

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