Biologie:Als alle Frösche einer Seuche zum Opfer gefallen waren, musste die Biologin das Fach wechseln

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Dabei ist die übliche, staubtrockene Nüchternheit akademischer Studien hart erarbeitete Absicht. Schon Studenten lernen, sich an das formale Korsett und die fest gefügten Formulierungen wissenschaftlicher Publikationen zu halten. In den Fachaufsätzen soll es um nachvollziehbare und reproduzierbare Daten und Fakten gehen. Interpretationen und Schlussfolgerungen müssen sich Schritt für Schritt mit Daten untermauern lassen. Es zählt nicht der Einzelfall, sondern die auf einer möglichst großen Datenmenge beruhende Statistik. Wer die Daten erhoben und ausgewertet hat, darf keine Rolle spielen, ebenso wenig die Meinung und die Gefühle des Forschers. Vor allem darf ein Wissenschaftler nicht den "Klapperstorch-Fehler" begehen, also zwei Ereignisse nur deshalb als Ursache und Wirkung zu verstehen, weil sie gemeinsam auftreten. Diesem gedanklichen Kurzschluss zu widerstehen, fällt Menschen naturgemäß schwer, weil das Gehirn nach kausalen Zusammenhängen geradezu giert - verheißen sie doch Ordnung, Struktur und Überblick.

All diese Standards akademischer Studien seien absolut richtig und notwendig, betont Liza Gross von Plos Biology. Die neuartigen Beiträge sollen die traditionelle Form der akademischen Publikation lediglich auf eine Weise ergänzen, wie es nur Erzählungen vermögen: mit Protagonisten, die hoffen, kämpfen, leiden oder triumphieren.

Karen Lips hat all das durchgemacht, während sie im bergigen Regenwald Costa Ricas den "Traum eines Feldforschers" lebte, in einer einsamen Hütte ohne Strom und Wasser. Die Biologin von der University of Maryland hat dazu beigetragen, das anfangs höchst mysteriöse Amphibiensterben zu verstehen. Seit Jahrzehnten rafft ein tödlicher Pilz Molche, Frösche und Kröten dahin. Es ist ein gigantisches Sterben. Doch weil Amphibien außer in den Tropen eher unauffällig daherkommen, sind sich viele Menschen über deren Verschwinden kaum bewusst. Lips erzählt, wie sie sich anfangs wider besseres Wissen gegen die Erkenntnis gewehrt hat, dass auch ihre Forschungsobjekte der Seuche zum Opfer gefallen waren. Wenn sie nirgends einen Frosch quaken hörte, schob sie es "aufs Wetter, auf meine Methoden, auf das helle Licht meiner Stirnlampe - ich griff nach jedem Strohhalm und ich wusste es. Aber ich konnte es einfach nicht glauben." Passagen wie diese hinterlassen beim Lesen einen anderen Eindruck, als wenn man lediglich die Nulllinie in einer Statistik mit Amphibien-Sichtungen betrachtet.

Einige Jahre später hatte Lips in Costa Rica einen kleinen Flecken Land ausgemacht, an dem ihre verloren geglaubte Welt der schillernden, farbenprächtigen Frösche noch existierte. Sie lud einheimische Kollegen ein, um ihnen zu zeigen, welche Amphibien-Vielfalt es einst überall in ihrem Land gegeben hatte. "Sie waren zu jung, um je selbst die Goldkröte gesehen zu haben. Sie kannten nur die Welt nach deren Verschwinden", schreibt Lips. Die Reaktion ihrer Besucher angesichts der in allen Farben leuchtenden Frösche werde sie nie vergessen: "Sie verhielten sich wie Kinder an Weihnachten. Staunend stolperten sie umher und vergaßen alles andere um sich herum. Es brach mir das Herz, ihnen sagen zu müssen, dass dies einst typisch für Costa Rica gewesen war." Ihr Beitrag erzählt das Amphibiensterben nicht nur als ökologisches Desaster, sondern auch als persönliche Leidensgeschichte. Irgendwann konnte die Biologin nicht mehr: "Das Nichts zu zählen ist erschöpfend. Irgendwann musste man sich auf etwas Produktiveres konzentrieren." Seither engagiert sich Lips in der Umweltpolitik und -diplomatie.

Ein unscheinbarer Schmetterling half ihm, sich von einer schweren Verletzung zu erholen

Erzählungen wie ihre machen auch jemandem, der nie im Regenwald gelebt hat, deutlich, was der Verlust von Arten bedeutet. Und wenn die Geschichte stark genug ist, braucht es dazu nicht einmal besonders hübsche oder auffällige Tiere. So berichtet Nick Haddad von der Kellogg Biological Station in Michigan über seine Faszination für den St. Francis Satyr. Dieser kleine, unscheinbare Schmetterling lebt ausschließlich in einem Teil des US-Bundesstaates North Carolina. Immer wieder gingen die Populationen zurück, erholten sich wieder etwas und standen doch stets am Rand des Aussterbens.

Dass es den St. Francis Satyr immer noch gibt, liegt sicher auch am Engagement Haddads. Und der wiederum verdankte den Insekten seinen wieder erstarkenden Lebensmut, nachdem er sich beim Basketball schwer am Kopf verletzt und über Monate einen Teil seines Gedächtnisses verloren hatte. Familie und Freunde halfen ihm bei der Rekonvaleszenz - und die kleinen braunen Insekten. "Der Schmetterling erinnerte mich an die Möglichkeiten des Wiedererstarkens", schreibt Haddad, "sowohl in meinem Leben als auch in der Natur."

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