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Wespenspinnen:Sexueller Kannibalismus nützt dem Nachwuchs

Unter evolutionären Gesichtspunkten ist dieser sexuelle Kannibalismus nichts anderes als der Versuch, den widersprüchlichen Interessen der Geschlechter gerecht zu werden. Ein totes Männchen kann nicht mehr monopolisieren, das Weibchen kann sich einmal mehr paaren. Zudem haben Schneider und ihre Kollegen Hinweise darauf gefunden, dass der Kannibalismus dem Nachwuchs nützt. Demnach sind die Eier eines Weibchens, das seinen Partner nach der Kopulation gefressen hat, größer und kommen besser mit Nahrungsmangel zurecht als die Eier eines Weibchens, das seinen Partner am Leben gelassen hat. Womöglich helfen Aminosäuren aus dem Körper des Männchens, die Eier mit wichtigen Nährstoffen zu versorgen. Und das, obwohl männliche Wespenspinnen winzig sind verglichen mit den weiblichen.

Warum aber lässt sich das Männchen auf das tödliche Spiel ein? Kann es nicht fliehen, bevor das Weibchen zuschlägt? Immerhin ist dieser Zeitpunkt einigermaßen absehbar. Dauert der Sex nur sechs oder sieben Sekunden, kann das Männchen "Glück haben und lediglich ein paar Beine verlieren", sagt Schneider. Kopulieren die Spinnen jedoch zehn Sekunden oder länger miteinander, bedeutet das regelmäßig den Tod des Männchens. Allerdings steht auch das Männchen vor einem Dilemma, denn während einer langen Paarung kann es mehr Samen übertragen als während einer kurzen. Also muss es von Fall zu Fall wählen, wie lange es beim Weibchen ausharrt. Und wie alles im Sexleben der Wespenspinne, ist auch diese Entscheidung kompliziert.

Tödliche Investition

Eine große Rolle spielt - natürlich - die Attraktivität des Weibchens: Jungfräulich, zugleich aber alt und schwer sollte es idealerweise sein, denn das lässt die Überlebenschance des Nachwuchses steigen. In eine solche Partnerin lohnt es sich zu investieren, zur Not auch das eigene Leben. Das gilt vor allem dann, wenn das Männchen bereits eines seiner beiden Genitalien bei einer ersten Kopulation verstümmelt und so kaum noch etwas zu verlieren hat. Daher entscheidet sich das Männchen bei seiner zweiten Paarung stets für das, was Biologen "terminales Investment" nennen: Es kopuliert lange, überträgt dabei möglichst viele Samen - und nimmt in Kauf, anschließend gefressen zu werden. "Sind die Zukunftserwartungen ohnehin gering, so sind auch durch den Tod keine großen Einbußen möglich", so formulieren es die Biologen Lutz Fromhage und Jutta Schneider im Fachmagazin Ecology and Evolution.

Trifft das Männchen hingegen auf ein Weibchen, das seinen Ansprüchen nicht voll und ganz genügt, ist ihm sein Überleben wichtiger als eine möglichst umfangreiche Begattung. Das gilt vor allem dann, wenn es andere, attraktivere Weibchen in der Nähe weiß. Weniger wählerisch werden männliche Wespenspinnen hingegen, wenn das Ende der Paarungszeit näher rückt und somit nur noch wenige Paarungsgelegenheiten bleiben. Nie ähneln sich die sexuellen Interessen von Männchen und Weibchen so sehr wie wenn beide wissen: Es könnte ihr letztes Mal sein.