Süddeutsche Zeitung

Wespenspinnen:Tödlicher Sex zugunsten der nächsten Generation

Er verstümmelt sich bei der Paarung. Sie frisst ihn nach dem Akt. Kaum ein Sexualverhalten ist so bizarr wie das der Wespenspinnen.

Eine Menge Beine zappeln umeinander. Unmöglich zu erkennen, was die schwarz-weiß-gelb gestreifte Spinne derart in Aufregung versetzt hat. Ein Beutetier? Ein wütender Artgenosse? Plötzlich ist Ruhe, verdächtige Ruhe. Auch wer wenig über Spinnen weiß, ahnt: Wer immer an dem wilden Treiben beteiligt war - es ist nicht für alle gut ausgegangen. "Das Männchen ist nicht rechtzeitig davongekommen. Es wird gefressen", kommentiert Jutta Schneider, Verhaltensforscherin an der Uni Hamburg.

Die kurze Filmsequenz zeugt von einem der merkwürdigsten Sexualverhalten, das sich die Evolution hat einfallen lassen und das Forscher noch immer vor zahlreiche Rätsel stellt. Auf den ersten Blick mag die Wespenspinne Argiope bruennichi nicht besonders aufregend wirken. Sie ist weitverbreitet, webt Netze und frisst Insekten, ein durchschnittliches Spinnenleben eben. Im Sommer aber, zur Paarungszeit, werden die Vertreter dieser Art zum besten Beispiel für den Einfallsreichtum der Natur, wenn es gilt, unterschiedliche sexuellen Interessen zusammenzubringen.

Bei der Paarung verstümmelt sich das Männchen selbst

Charakteristisch für Wespenspinnen ist nämlich, dass Männchen und Weibchen verschiedene Ansichten über die optimale Zahl an Sexualpartnern haben. Die Weibchen dieser Art sind polyandrisch: Sie wollen sich möglichst mit mehreren Männchen paaren und erst hinterher entscheiden, welche Samen die Eier befruchten sollen. "Kryptische Weibchenwahl" nennen Forscher diese Entscheidung.

Allerdings setzt die Anatomie dem Weibchen Grenzen in der Zahl seiner Fortpflanzungspartner. Weibliche Wespenspinnen haben zwei Geschlechtsöffnungen und können sich daher pro Saison meist nur von zwei verschiedenen Partnern begatten lassen.

Die Männchen hingegen sind mono- oder allenfalls bigam. "In ihrem Interesse liegt es, ein jungfräuliches Weibchen zu finden, mit ihm zu kopulieren und es dann zu monopolisieren", erklärte Jutta Schneider kürzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Ethologie in Tutzing. Bizarr an der Strategie der Männchen erscheint vor allem das Monopolisieren. Dabei verstopft das Männchen nach der Paarung die Geschlechtsöffnung des Weibchens mit der Spitze seines eigenen Begattungsorgans. Eine solche Selbstverstümmelung wirkt auf den ersten Blick nicht gerade sinnvoll, um die Weitergabe der eigenen Erbanlagen zu sichern. Jedes Männchen hat zwei Begattungsorgane, kann sich also in seinem Leben nur zweimal paaren, wenn es die Spitze dieser sogenannten Pedipalpen jedes Mal als Pfropf benutzt.

Rätselhafte weibliche Interessen

Trotzdem seien die "Ein-Schuss-Genitalien keine evolutionäre Sackgasse", schreibt Jutta Schneider im Fachmagazin BMC Evolutionary Biology. Immerhin kann sich das Männchen so einigermaßen sicher sein, dass nicht noch ein Nebenbuhler zum Zug kommt. So sind Wespenspinnen auch nicht die einzigen Tiere, bei denen die Männchen auf die monopolisierende Wirkung eines "Begattungspfropfens" setzen. Ähnliches kennen Forscher zum Beispiel auch von Anglerfischen, bei denen das Männchen nach der Paarung vollständig mit dem Weibchen verwächst und manchen Ameisen, bei denen die Männchen ihr eigenes Abdomen als Barriere für Geschlechtsgenossen einsetzen.

Den Interessen des Männchens ist damit gedient - doch wie steht es um weibliche Wespenspinnen, die schließlich alles andere wollen als monopolisiert zu werden? Ob es ihnen unter evolutionären Gesichtspunkten nützt, sich mit mehreren Männchen zu paaren, lässt sich zwar nicht so einfach nachweisen. "Es ist sehr schwierig, die Interessen der Weibchen zu quantifizieren", sagt Schneider. Ungeachtet dessen zeigen jedoch Szenen wie die in Schneiders kurzem Film, dass das Weibchen eine äußerst effektive Strategie entwickelt hat, sich gegen die Monopolisierungsversuche zu wehren: Es frisst seinen Partner auf.

Sexueller Kannibalismus nützt dem Nachwuchs

Unter evolutionären Gesichtspunkten ist dieser sexuelle Kannibalismus nichts anderes als der Versuch, den widersprüchlichen Interessen der Geschlechter gerecht zu werden. Ein totes Männchen kann nicht mehr monopolisieren, das Weibchen kann sich einmal mehr paaren. Zudem haben Schneider und ihre Kollegen Hinweise darauf gefunden, dass der Kannibalismus dem Nachwuchs nützt. Demnach sind die Eier eines Weibchens, das seinen Partner nach der Kopulation gefressen hat, größer und kommen besser mit Nahrungsmangel zurecht als die Eier eines Weibchens, das seinen Partner am Leben gelassen hat. Womöglich helfen Aminosäuren aus dem Körper des Männchens, die Eier mit wichtigen Nährstoffen zu versorgen. Und das, obwohl männliche Wespenspinnen winzig sind verglichen mit den weiblichen.

Warum aber lässt sich das Männchen auf das tödliche Spiel ein? Kann es nicht fliehen, bevor das Weibchen zuschlägt? Immerhin ist dieser Zeitpunkt einigermaßen absehbar. Dauert der Sex nur sechs oder sieben Sekunden, kann das Männchen "Glück haben und lediglich ein paar Beine verlieren", sagt Schneider. Kopulieren die Spinnen jedoch zehn Sekunden oder länger miteinander, bedeutet das regelmäßig den Tod des Männchens. Allerdings steht auch das Männchen vor einem Dilemma, denn während einer langen Paarung kann es mehr Samen übertragen als während einer kurzen. Also muss es von Fall zu Fall wählen, wie lange es beim Weibchen ausharrt. Und wie alles im Sexleben der Wespenspinne, ist auch diese Entscheidung kompliziert.

Tödliche Investition

Eine große Rolle spielt - natürlich - die Attraktivität des Weibchens: Jungfräulich, zugleich aber alt und schwer sollte es idealerweise sein, denn das lässt die Überlebenschance des Nachwuchses steigen. In eine solche Partnerin lohnt es sich zu investieren, zur Not auch das eigene Leben. Das gilt vor allem dann, wenn das Männchen bereits eines seiner beiden Genitalien bei einer ersten Kopulation verstümmelt und so kaum noch etwas zu verlieren hat. Daher entscheidet sich das Männchen bei seiner zweiten Paarung stets für das, was Biologen "terminales Investment" nennen: Es kopuliert lange, überträgt dabei möglichst viele Samen - und nimmt in Kauf, anschließend gefressen zu werden. "Sind die Zukunftserwartungen ohnehin gering, so sind auch durch den Tod keine großen Einbußen möglich", so formulieren es die Biologen Lutz Fromhage und Jutta Schneider im Fachmagazin Ecology and Evolution.

Trifft das Männchen hingegen auf ein Weibchen, das seinen Ansprüchen nicht voll und ganz genügt, ist ihm sein Überleben wichtiger als eine möglichst umfangreiche Begattung. Das gilt vor allem dann, wenn es andere, attraktivere Weibchen in der Nähe weiß. Weniger wählerisch werden männliche Wespenspinnen hingegen, wenn das Ende der Paarungszeit näher rückt und somit nur noch wenige Paarungsgelegenheiten bleiben. Nie ähneln sich die sexuellen Interessen von Männchen und Weibchen so sehr wie wenn beide wissen: Es könnte ihr letztes Mal sein.

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SZ vom 15.03.2014/chrb
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