bedeckt München

Wasserverschmutzung:Mehr als ein Streit um Zahlen

Das Ganze ist mehr als ein Streit um Zahlen, denn EE2 ist nur ein Stoff unter vielen, die man aus den Gewässern hinausbekommen möchte. Bereits im Jahr 2000 setzte das EU-Parlament 33 Umweltgifte auf eine Liste "prioritärer Stoffe" der europäischen Wasserrahmenrichtlinie, vor allem Schwermetalle und Pestizide. Nun sollen 15 weitere Substanzen hinzukommen, darunter auch erstmals drei Arzneiwirkstoffe: neben EE2 das Schmerzmittel Diclofenac und das natürliche Östrogen E2. Es wird zur Hormonersatztherapie in den Wechseljahren verwendet und gelangt außerdem in großen Mengen durch die Intensivhaltung von Rindern in die Umwelt.

Außerdem ist geplant, mehrere Pflanzenschutzmittel sowie Industriechemikalien, Dioxin und Dioxin-ähnliche PCB mit aufzulisten. Die gefährlichsten prioritären Stoffe sollen schrittweise ganz aus Europas Gewässern verschwinden, für die übrigen werden Obergrenzen festgesetzt. So will die EU einen "guten Zustand" der Gewässer bis 2015 erreichen. Ein hochgestecktes Ziel: Nur 30 Prozent der europäischen Oberflächengewässer und 25 Prozent des Grundwassers gelten derzeit nicht als ernsthaft gefährdet.

Umweltverbände drängen darauf, noch mehr Arzneistoffe zu regulieren. Auch nach Auffassung des Umweltbundesamtes gehört mindestens ein halbes Dutzend weiterer Medikamente auf die Schadstoffliste, darunter das Schmerzmittel Ibuprofen, das Diabetes-Medikament Metformin sowie das Antibiotikum Clindamycin.

"Aus fachlicher Sicht ist es nötig, bei weiteren Arzneistoffen kritisch zu prüfen, ob sie in diese Liste aufgenommen werden müssen", sagt UBA-Mitarbeiterin Christiane Heiß. Anfang 2013 beginnt die nächste Runde zur Aktualisierung der prioritären Stoffe in der Wasserrahmenrichtlinie. Dann wird das UBA der EU-Kommission voraussichtlich weitere Wirkstoffe vorschlagen.

"Am dringlichsten erscheint uns eine Regulierung von Arzneimittelwirkstoffen, die in großen oder steigenden Mengen verwendet werden oder von denen man weiß, dass sie, wie die hormonähnlichen Stoffe, schon in kleinsten Mengen wirksam sind", sagt Claudia Thierbach, die im UBA das für Arzneimittel zuständige Fachgebiet leitet. Besondere Beachtung sollte auch den langlebigen Wirkstoffen gewidmet werden.

Dabei ist die Regulierung mittels Wasserrahmenrichtlinie eigentlich nur ein "Sicherheitsnetz", wie es in einem Dokument der EU-Kommission heißt. Nötig sei es unter anderem geworden, weil Maßnahmen, die an der Schadstoffquelle ansetzen, nicht ausreichend greifen. So seien bei der Zulassung von Substanzen oft mangelhafte Modelle und Annahmen verwendet worden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema