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Zoologie:Imponiergehabe der Männchen

Klar ist, dass die Lieder einer Population auf diese Weise von Jahr zu Jahr immer komplizierter werden. Die Triebkraft für diese Entwicklung hin zu immer schwierigeren Liedern könnte sein, den Weibchen zu imponieren, mutmaßt Van Opzeeland. "Männchen, die in der Lage sind, sich eine derart komplizierte Abfolge von Tönen zu merken, signalisieren damit, dass sie wirklich fit sind."

In der Evolutionsbiologie spricht man auch vom Handicap-Prinzip. Das klassische Beispiel dafür ist der lange, prächtige Schwanz des Blauen Pfaus. Die langen Federn sind überall im Weg und behindern die Vögel bei der Flucht vor Feinden. Männchen, die trotz dieses Nachteils überleben und es auch noch schaffen, dabei gut und nicht völlig zerrupft auszusehen, sind in den Augen der Weibchen besonders fit. In Analogie signalisieren die Buckelwal-Männer durch ihren komplizierten Gesang vielleicht, dass sie es sich locker leisten können, Zeit und Energie in aufwendige Darbietungen zu stecken, weil sie überschüssige Kraft haben.

In einer Art musikalischer Revolution hören sie schlagartig auf, ihr altes Lied zu variieren. Und stimmen den neuen Hit aus dem Westen an

Weibchen zu beeindrucken, ist aber vermutlich nicht die einzige Funktion der Walgesänge. Darauf deuten unter anderem sogenannte Playback-Studien hin, die zeigen, dass nicht nur weibliche Wale reagieren, wenn man ihnen unter Wasser den Gesang eines - in Wahrheit nicht vorhandenen - Männchens vorspielt, sondern auch die männlichen Tiere. "Unsere Untersuchungen haben zudem ergeben, dass Buckelwale, anders als bisher angenommen, nicht nur zur Paarungszeit singen", sagt Van Opzeeland. Die Tiere, die jedes Jahr zwischen ihren Paarungsgebieten in tropischen und subtropischen Gewässern und ihren Fressgebieten in den polaren Meeren hin und her schwimmen, singen auch während ihrer Wanderungen.

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Vieles deutet zudem darauf hin, dass verschiedene Populationen von Walen derselben Art per Gesang miteinander kommunizieren. Die Buckelwale im Osten Australiens zum Beispiel übernehmen alle paar Jahre das Lied ihrer Artgenossen von der Westküste.

Vermutlich hören sie sich die neuen Tonfolgen von einzelnen Tieren ab, die aus dem Westen zu ihnen herübergeschwommen sind. In einer Art musikalischer Revolution hören sie schlagartig auf, ihr altes Lied zu variieren und stimmen stattdessen den Hit aus dem Westen an. "Rätselhaft ist, warum dieser Austausch immer nur von West nach Ost stattfindet und nie umgekehrt", sagt Ritter. Von der australischen Ostküste aus wandern die Lieder - nicht die Wale - dann im Lauf der folgenden Jahre immer weiter nach Osten bis zu Tieren in Französisch-Polynesien, einer knapp 6000 Kilometer entfernten Inselgruppe.

Wissenschaftler um Jenny Allen von der australischen University of Queensland haben die Gesänge der ostaustralischen Wale vor und nach einer solchen Revolution verglichen und herausgefunden, dass das neue Lied viel simpler aufgebaut ist als das alte ( Proceedings of the Royal Society B).

Doch warum geben die Wale plötzlich ihr Lieblingslied auf? "Möglicherweise stoßen die Tiere ab einem bestimmten Grad von Komplexität schlicht an die Grenzen ihrer Merkfähigkeit", sagt Van Opzeeland. Und weil sie das Lied nicht mehr verändern können, indem sie es weiter verkomplizieren, machen sie einen radikalen Schnitt. Eine andere Erklärung wäre, dass es sich mit den Liedern der Buckelwale ähnlich verhält wie mit menschlichen Gesängen: Irgendwann kann man auch den größten Hit nicht mehr hören. In diesem Fall würden sich die Tiere aktiv entscheiden, ihr Repertoire zu ändern, weil ihnen das neue Lied besser gefällt.

Einen musikalischen Austausch gibt es auch zwischen Walpopulationen, die in Hörweite voneinander entfernt leben, wie die Buckelwale vor Gabun und die Tiere in der Nähe von Madagaskar. In einer Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift Royal Society Open Science erschienen ist, beschreibt die US-amerikanische Meeresbiologin Melinda Rekdahl, dass sich der Gesang der beiden Populationen zwar unterscheidet, dass es in den Liedern aber auch Stellen gibt, die identisch sind.