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Archäologie:Überreste von Waldelefanten in Niedersachsen entdeckt

Forschungsmuseum Schöningen - Waldelefanten-Skelett

Der Unterkiefer der Waldelefantenkuh, die vor etwa 300 000 Jahren lebte.

(Foto: dpa)

Im niedersächsischen Schöningen haben Archäologen die Knochen und Stoßzähne 300 000 Jahre alter Waldelefanten freigelegt. Solche Spuren waren nie zuvor in Deutschland gefunden worden.

Im niedersächsischen Schöningen lebten vor 300 000 Jahren große Herden von Waldelefanten, gewaltige Tiere mit einer Schulterhöhe von bis zu 3,2 Metern. Allein der Schädel eines Prachtexemplars, über das ein Team unter Leitung von Archäologen der Universität Tübingen im Fachblatt Archäologie in Deutschland berichtet, war mehr als einen Meter groß. Es handelt sich um das älteste, nahezu vollständig erhaltene Skelett eines eurasischen Waldelefanten. Die Elefantenkuh war größer als heutige afrikanische Artgenossen.

Der Archäologe Neil Haycock hatte im September 2017 auf dem Gelände des heutigen Tagebaus in Schöningen einen Halswirbelknochen entdeckt. Schon die schiere Größe erstaunte ihn. Unmittelbar daneben lagen zwei riesige, abgenutzte Backenzähne samt Unterkiefer sowie ein Zungenbein. Stück für Stück holten die Forscher die Knochen aus dem Sediment eines urzeitlichen Sees. Dank guter Erhaltungsbedingungen in den Ufersedimenten überdauerten die Knochen die Zeiten, nur der Schädel ist in Teilen verwittert und in kleinere Stücke zerfallen.

An dem See lebten einst Elefanten, Nashörner, Bären, Auerochsen, Wildpferde und Säbelzahnkatzen

Die neuen Funde sind auch deshalb für Archäologen so spannend, weil es so immer besser gelingt, die Lebensumwelt von Frühmenschen der Gattung Homo heidelbergensis zu rekonstruieren, die damals ebenfalls in der Nähe des Sees siedelten und mit ihren Speeren und Wurfhölzern auf Jagd gingen - womöglich auch auf Elefanten. Das Klima ähnelte dem heutigen, nur die Tierwelt war eine andere: Rund um den See lebten damals etwa 20 große Säugetierarten, neben den Elefanten auch Löwen, Bären, Säbelzahnkatzen, Auerochsen, Wildpferde und Nashörner. "Der Reichtum an Wildtieren ähnelte dem des heutigen Afrika", sagt Jordi Serangeli, Tübinger Archäologe und Ausgrabungsleiter in Schöningen.

Schon früher hatten die Forscher einzelne Knochen und Stoßzähne von mindestens zehn Elefanten aus der altsteinzeitlichen Fundstelle geborgen, noch nie aber ein vollständiges, überaus gut erhaltenes Exemplar. "Wir fanden die 2,3 Meter langen Stoßzähne, den Unterkiefer, zahlreiche Wirbel und Rippen sowie Knochen von drei Beinen und sogar alle fünf Zungenbeine", sagt Serangeli.

Die Elefantenkuh starb vermutlich aufgrund ihres hohen Alters von etwa 50 Jahren, jedenfalls gibt es keine erkennbaren Verletzungen, die sie vor dem Tod erlitt. "Elefanten halten sich oft am und im Wasser auf, wenn sie krank oder alt sind", sagt der an der Forschung beteiligte Archäozoologe Ivo Verheijen. "Bissspuren auf den Knochen zeigen, dass sich nach seinem Tod Raubtiere am Kadaver bedienten."

Die Forscher stießen im Umfeld des Elefantenkadavers auf ein interessantes Detail. Im Schlick fanden sie etwa 30 Feuersteine, kleine Abschläge, die typischerweise beim Nachschärfen von Steinklingen entstehen. Zwei Bruchstücke passen sogar aneinander, was die Archäologen als Beleg dafür werten, dass die Menschen damals direkt am Kadaver ihre Klingen herstellten und nachschärften.

"Die Steinzeitjäger schnitten vermutlich Fleisch, Sehnen und Fett aus dem Kadaver", sagt Verheijen. Zudem entdeckten die Forscher zwei längere Knochen, die als Werkzeuge genutzt wurden. Interessanterweise fehlen auch Fußknochen von drei der vier Beine. Die Forscher vermuten, dass die Menschen die Füße aufgrund ihres hohen Fettgehalts vom Kadaver abgetrennt und mitgenommen haben.

Dass am Schöninger See weitere Artgenossen des Elefanten unterwegs waren, beweisen altsteinzeitliche Fußabdrücke. Vertiefungen zeigen, dass einst am Ufer eine Herde aus Jungtieren und Erwachsenen entlanggelaufen war. Solche Spuren waren nie zuvor in Deutschland gefunden worden. Beeindruckend sind vor allem die Abdrücke der schweren Tiere, ihre Füße hinterließen in den Seesedimenten nahezu runde Mulden mit bis zu 60 Zentimeter Durchmesser.

© SZ vom 22.05.2020/hmw
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