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Verhaltensbiologie:Womöglich gäbe es ohne Parasiten keinen Sex

Die Larven des Wurms Pomphorhynchus laevis manipulieren Flohkrebse, bis sie Flussbarschen beinahe von selbst ins Maul schwimmen. Infektionen mit manchen Saugwürmern verringern die Geselligkeit von Zahnkarpfen, Bandwürmer verwandeln Stichlinge in suizidale Draufgänger, und weibliche Kohlmeisen verhalten sich besonders explorativ, wenn sie den Malariaerreger in sich tragen. Der Kleine Leberegel zwingt Ameisen dazu, sich an der Spitze von Grashalmen zu verbeißen. So steigt die Chance, dass die Schmarotzer im Magen grasender Schafe landen.

Pilz befällt Ameise

Ein weiteres gruseliges Parasiten-Beispiel: Pilze bringen diese Ameisen dazu, sich in die Unterseite eines Blatts verbeißen und dort zu sterben. Wenn die Sporen aus dem Kopf der toten Ameisen freigesetzt werden, infizieren sie neue Ameisen.

(Foto: David Hughes, Penn State University)

Vieles entgehe Forschern aber, sagt die Biologin Janice Moore von der Colorado State University, denn nicht immer ändern die Parasiten die offensichtlichen Handlungen ihrer Wirte sondern womöglich nur deren Geruchswahrnehmung oder das Gehör.

Über den massiven Einfluss von Parasiten auf die Evolution herrscht Einigkeit - selbst wenn manche Thesen abenteuerlich klingen. So werden Parasiten gar für die Entwicklung der menschlichen Sprachenvielfalt verantwortlich gemacht. Demnach hielten Menschengruppen einst Distanz zueinander, so die Überlegung, weil dies das Risiko von Infektionen verringerte. War eine Gruppe unter sich, entwickelten ihre Mitglieder eigene Kulturen und Sprachen. Ohne Parasiten gäbe es womöglich keinen Sex, lautet eine weitere These. Die geschlechtliche Fortpflanzung wappnet die Immunsysteme der Nachkommen besonders gut - ein Vorteil im ständigen Wettstreit zwischen Parasiten und Wirten.

Schon das klingt verwegen und eklig. Wenn Parasiten jedoch das Verhalten ihrer Opfer steuern und verändern, potenzieren sich Grusel und Faszination. Dieses Thema berühre eben philosophische Fragen wie jene nach der Existenz eines freien Willens, schreiben Joanne Webster vom Imperial College London und Shelley Adamo der kanadischen Dalhousie-Universität in einem Editorial des Journal of Experimental Biology. Den freien Willen im Zusammenhang mit Flohkrebsen, Raupen oder Ameisen anzuführen, ist vielleicht vermessen. Aber schon die ausgefeilte Choreografie parasitärer Wespen wirkt so, als breche ein Herrscher einen fremden Willen.

Diese Insekten betreiben sogenanntes Bodyguard-Parasitentum. Solche Schmarotzer richten ihre Strategie zum Teil danach aus, riskantes Verhalten ihrer Wirte zu minimieren. Bloß keinen Unfall, nur nicht gefressen werden - hier sind fremde Kinder an Bord. Die Opfer dieser Wespen bieten mit ihren Körpern nicht nur Nest und Nährboden für den fremden Nachwuchs, sie schützen diesen auch noch, sobald er aus ihrem Leib gebrochen ist.

Die Wespe Glyptapanteles zum Beispiel legt ihre Eier in Raupen ab. Sobald die Larven geschlüpft sind, höhlen sie den Körper ihrer Wirte aus, bis sie sich den Weg aus dem Raupen-Leib fressen und sich verpuppen. Die Opfer verwandeln sich zu willenlosen Untoten und bewachen die verpuppten Larven. Erst wenn die Wespen schlüpfen, dürfen die Raupen endlich sterben. Eine andere parasitäre Wespe manipuliert eine Spinne gar so, dass diese ein besonderes Netz webt, sobald das fremde Junge in ihr herangewachsen ist. Das Netz ist auf die Bedürfnisse der Wespenlarve zugeschnitten: Sie verpuppt sich unter einer Art schützendem Dach, das die Spinne vor ihrem Tod gewoben hat.

Parasitologen dringen immer weiter in diese düstere Welt der ungleichen Machtkämpfe vor. Ihre Studien gehen längst über die bloße Beschreibung des Grusels hinaus - sie beginnen zu verstehen, wie die Geiselnehmer ihre Wirtstiere in Zombies verwandeln. So berichtet der Biologe David Hughes von der Pennsylvania State University in seinem Beitrag im Journal of Experimental Biology von Studien, die das seltsame Verhalten der dauerfressenden, von Baculoviren befallenen Raupen auf den Einfluss eines einzigen Gens zurückführen. Andere Parasiten steuern das Verhalten ihrer Wirte, indem sie die Ausschüttung von Neurotransmittern modifizieren. Der Spiegel von Dopamin, Octopamin oder Serotonin verändert sich im Sinne der Parasiten.

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