Geschlechterrollen Biologische Grundlage

Denn die Beobachtungen im Kibale-Nationalpark liefern ein weiteres Indiz dafür, dass die Mädchen-typische Begeisterung für Puppen und die Vorliebe vieler Jungen für alles, was rollt und brummt, auch eine biologische Grundlage hat.

Hinweise darauf gibt es zwar seit Jahrzehnten. In den 1970er Jahren wurde die Debatte besonders heftig geführt. Eleanor Maccoby berichtete, wie Mädchen ihr Spielzeug umsorgen. Später beobachtete auch die Psychologin Melissa Hines aus London, dass Mädchen das Pflegeverhalten, das sie selbst von ihren Müttern erfahren, an Kuscheltiere und Puppen weitergeben. Jungen hingegen bevorzugen mechanisches, lautes Spielzeug und suchen körperliche Auseinandersetzungen.

Diese Verhaltensunterschiede seien jedoch nicht biologisch bedingt, sondern Folge der Erziehung, entgegneten damals die Kritiker solcher Studien. Weil Eltern genaue Vorstellungen über das passende Spielzeug haben, bestärken sie Mädchen darin, sich um Puppen zu kümmern, ihnen Kleidchen anzuziehen und auf dem Spielzeugherd Essen zu kochen.

Jungen hingegen würden - oft ohne dass sich die Eltern dessen bewusst sind - ermuntert, den starken Mann zu spielen und den Teddy als Kampfpartner statt als Schmusetier zu sehen. Derartige Stereotype bringen Erwachsene sogar Robotern mit männlichem beziehungsweise weiblichem Aussehen entgegen, haben Bielefelder Forscher beobachtet.

Auch junge Schimpansen orientieren sich naturgemäß an ihren Eltern. In Tansania setzen junge Weibchen wesentlich effizienter als gleichaltrige Männchen Werkzeuge ein, um Termiten zu angeln. Dies liegt jedoch daran, dass die Weibchen ihren Müttern länger zuschauen und das Verhalten der erfahrenen Tiere genauer imitieren als die Männchen.

Einen ähnlichen Effekt schließen Kahlenberg und Wrangham aus. In all den Jahren fanden sie keinen Hinweis darauf, dass die Jungtiere ihren liebevollen oder kämpferischen Umgang mit Stöcken von älteren Affen abgeguckt hätten. Den Forschern fiel auch kein männlicher oder weiblicher Schimpanse auf, der älter als 15 Jahre war und dennoch irgendwie mit Stöcken spielte. Auch sahen die Primatologen nie ein Weibchen einen Stock tragen, nachdem es Mutter geworden war.

Die geschlechtsspezifische Wahl des Spielzeugs beruhe offenbar darauf, dass Weibchen größeres Interesse an der Pflege von Neugeborenen hätten, so die Forscher. Vermutlich hätten sich geschlechtsspezifische Vorlieben bereits entwickelt, bevor sich die Entwicklung von Mensch und Schimpanse trennten - und damit lange vor der Zeit kulturbedingter Rollen-Stereotypen.

Ob auch Männchen und Weibchen anderer freilebender Schimpansen-Gruppen unterschiedliche Vorlieben zeigen, ist unklar.

Von Affen, die in Gefangenschaft leben, kennt man geschlechtsspezifische Spiele hingegen schon länger. Vor zwei Jahren beschrieben Forscher der Emory University, wie Makaken auf verschiedene Spielzeuge reagieren. Den elf männlichen Affen gefiel alles, was Räder hatte. Die Traktoren und Autos interessierten zwar auch 23 Weibchen, gleichzeitig verbrachten diese aber viel Zeit mit Plüschtieren.

"Mädchen spielen eher als Jungen mit mehreren Arten Spielzeug", sagte Autorin Kim Wallen seinerzeit. "Wir waren ziemlich erstaunt, wie sehr die Spielzeug-Vorlieben der Makaken denen ähneln, die auch von Kinder berichtet werden."