Umweltschutz Treiben 100 Millionen oder nur 35 000 Tonnen Müll im Meer?

So sähe Boyan Slats Idee am Ende aus: An der Plattform werden über Kilometer die Filter befestigt, die den Plastikmüll aufnehmen.

(Foto: The Ocean Cleanup)

Außerdem gibt es Bedenken wegen der Zahlen: Es ist nicht nur zweifelhaft, ob das Recycling des im Wasser schwimmenden Kunststoffs überhaupt profitabel wäre. Es ist auch unklar, ob sich nennenswerte Mengen herausfischen lassen. Zum einen sei das Plastik weit verteilt, Schätzungen über die Ausdehnung des Nordpazifikstrudels reichen von der doppelten Größe Deutschlands bis zur zweifachen Fläche der USA. Zum anderen werde gerade das Mikroplastik - Teilchen kleiner als fünf Millimeter - bei kräftigen Stürmen in Tiefen bis 150 Meter gedrückt. Die Studie von "The Ocean Cleanup" gibt zu, dass die Barriere vermutlich kein Mikroplastik aus dem Ozean fischen könne. Man konzentriere sich auf größere Plastikteile, bevor sie über die Jahre zu Mikroplastik zerfallen und in die Nahrungskette gelangen können.

Ob überhaupt so viel Plastik an der Meeresoberfläche schwimmt wie angenommen, stellen Forscher einer spanischen Expedition in Abrede. Sie haben an mehr als 300 Orten der Ozeane Proben genommen und ihre Ergebnisse vor Kurzem im Fachblatt PNAS veröffentlicht. Das Team um Andrés Cózar von der Universität Cádiz fand tatsächlich in 88 Prozent der Proben Plastikmüll. Aber weniger als erwartet: Ihre Hochrechnung kommt auf 35 000 Tonnen an der Meeresoberfläche - andere Schätzungen reichen von 500 000 bis 100 Millionen Tonnen.

"Nur ein Pflaster, keine Heilung"

Boyan Slat und sein Team stimmen zu, dass noch viele Fragen offen seien. Der junge Niederländer dankt Goldstein und Martini zudem für ihre umfassende Kritik - sie werde in eine neue Version der Machbarkeitsstudie einfließen. "Da wir etwas vorhaben, das nie zuvor unternommen wurde, ist es wahrscheinlich, dass wir auf viele unerwartete Dinge stoßen", sagt er der Süddeutschen Zeitung. Grundsätzlich halte man das Vorhaben jedoch für machbar.

Meeresforscher, die sich schon länger mit dem Problem befassen, plädieren hingegen für diametral andere Lösungen. Es geht ihnen darum, "den Wasserhahn zuzudrehen statt die Badewanne mit einem Fingerhut leeren zu wollen", sagt Nick Mallos von der Umweltgruppe Ocean Conservancy. Solange immer mehr Plastik produziert werde und weltweit jährlich geschätzte 30 Millionen Tonnen Müll aus Flüssen, küstennahen Deponien und von Schiffen in die Ozeane gelangen, wäre ein Säuberungssystem "nur ein Pflaster, aber keine Heilung der eigentlichen Krankheit".

Vor allem müsse man "Politiker und Unternehmen drängen, den ungeheuren Plastikkonsum zu drosseln," fordert Martin Thiel aus Chile. Erste Schritte weisen bereits in diese Richtung. So sieht ein Gesetzesvorschlag der EU-Kommission vor, den Verbrauch von Einweg-Plastiktüten binnen fünf Jahren um 80 Prozent zu reduzieren. Das EU-Parlament will das Recycling von Kunststoffen vorantreiben.

Derweil könnte Slats Barriere durchaus anderswo sinnvoll sein, glauben Experten: vor Flussmündungen. Forscher der Universität Wien schrieben im Mai im Fachblatt Environmental Pollution, dass allein in der Donau mehr Plastikteile schwimmen als Fischlarven. Die Kunststoffpartikel ließen sich womöglich einfangen, bevor sie sich im Meer verteilen. Erste Filteranlagen dazu gibt es bereits. Zahlreiche Küstengebiete könnten von solchen Systemen profitieren, wie das Beispiel Brasilien zeigt. Dort bemüht man sich verzweifelt, ganze Buchten vom Plastikmüll zu befreien, um bei den olympischen Spielen 2016 Segelwettbewerbe austragen zu können.