Umweltgeschichte:Luftverschmutzung war schon in der Antike ein Problem

Begriffe für Umweltstandard oder Emissionsschutz stehen nicht auf der Vokabelliste aus dem Latein- oder Altgriechischunterricht, es handelt sich um Schöpfungen der Moderne. Handelten die Umweltzerstörer der Vergangenheit also in Unwissenheit, ahnten sie nicht einmal, welche Schäden sie anrichteten? "Das chemische Verständnis für die Stoffe fehlte, aber Krankheitssymptome wurden beobachtet", sagt Umwelthistoriker Frank Uekötter. Die Menschen registrierten sehr wohl, dass Arbeiter in den slowenischen Quecksilberminen sterbenskrank wurden oder in der Nähe von Metallhütten Bäume und andere Pflanzen schlecht wuchsen. Sie konnten nur nicht benennen, dass etwa Schwefeldioxid das Problem war und in Wäldern oder auf Feldern für Schäden sorgte.

Dennoch kursierten bereits im antiken Sprachraum sehr wohl Ausdrücke wie etwa "gravioris caeli" (schwerer Himmel), mit dem die chronische Dunstglocke über Rom bezeichnet wurde. Mit dem Wachstum der Städte zog der Rauch aus den Hütten auch über die Paläste und durch die Straßen - Luftverschmutzung entwickelte sich nun zu einem öffentlich wahrnehmbaren Phänomen.

Der Kaiser ließ über ein Recht auf saubere Luft diskutieren

"In fast jedem Haus brannte ein Herdfeuer, der Rauch zog allenfalls durch ein Loch in der Decke ab", sagt der Umwelt- und Stadthistoriker Dieter Schott von der TU Darmstadt, "die Wohnhäuser und die unmittelbare Umwelt der Menschen waren also stark verschmutzt." Schon damals ruinierten sich die Leute die Gesundheit. Befunde aus Ägypten, aus Peru, Großbritannien und vielen anderen Gegenden der Welt zeigen, dass die miese Luftqualität die Menschen umbrachte - und zwar zu Hause. In Mumien aus Ägypten befanden sich Lungen, die denen von Rauchern ähnelten. Die Menschen kochten in geschlossenen Räumen über offenem Feuer. Andere Möglichkeiten gab es nicht, und der Qualm hielt auch noch die Moskitos fern. Lungenkrankheiten waren deshalb weit verbreitet in den antiken Zivilisationen des Mittelmeerraums - so wie heute noch in den Entwicklungsländern, wo etwa 1,6 Millionen Menschen jährlich sterben, weil sie permanent den Qualm aus ihren Kochstellen einatmen müssen.

6,6 Millionen

Tonnen Schlacke hinterließen allein die Römer, als sie die Erzvorkommen im Westen Andalusiens ausbeuteten. Bei der Verhüttung bliesen die Bergarbeiter giftige Schwermetalle wie Blei in die Atmosphäre. Die Spuren dieser antiken Umweltsünden lassen sich noch heute nachweisen: Bohrkerne aus dem Eis Grönlands und anderer Gletscher belegen, in welchem Ausmaß schon vor Jahrhunderten die Umwelt verschmutzt wurde.

Etwa im antiken Rom kamen dann noch die vielen Abgase von Schmelzöfen, Schmiedewerkstätten, Töpfereien und anderen Manufakturen hinzu. Der Dichter Horaz schimpfte einst, dass der Rauch aus den Kochstellen der Römer die prächtigen Marmorgebäude der Stadt schwarz färbe. Während sein Kollege Seneca seine Flucht vor den giftigen Rauchdünstungen der Stadt schilderte, als verfasse er ein kleine Werbebroschüre für Luftkurorte auf dem Lande: Endlich mal frei durchatmen, endlich den giftigen Abgasen der Stadt entkommen und in idyllischen Weingärten Vitalität tanken! Der römische Kaiser Justinian war im 6. Jahrhundert dann gezwungen, auf die vielen Klagen über die verpestete Luft in der Stadt zu reagieren und ließ diskutieren, ob jedem römischen Bürger qua Geburt ein Recht auf saubere Luft zustünde.

Weil die Wälder gerodet waren, stieg London auf billige Kohle um

Umweltsünden und verpestete Luft sind ein historischer Dauerbrenner. In London vermieste minderwertige Kohle aus der Gegend um Newcastle die Luftqualität. Die wachsende Bevölkerung hatte die Wälder schon so weit gerodet, dass Feuerholz unerschwinglich wurde. Also verbrannten die Bewohner der Stadt an der Themse eben billige "See-Kohle", die Kähne aus Newcastle heranschafften - mit hässlichen Folgen für die Luftqualität. Der einst legendäre Londoner Smog wurde quasi im 13. Jahrhundert erfunden. Höchste Stellen befassten sich mit dem Anschlag auf Geruchssinn und Leben der Bürger: König Edward I. untersagte 1307 den Kalkbrennern innerhalb der Stadtgrenzen die grässliche Kohle aus dem Norden zu verfeuern. Und Königin Elizabeth I. mahnte 1578 Brauereien, ihr Ale doch gefälligst ohne Kohlefeuer zu brauen, schon des Geschmacks wegen. Nur war Feuerholz über lange Perioden zu teuer - der Raubbau an den Wäldern Europas spielte da eine Rolle.

So erstickte die wachsende Metropole an der Themse regelmäßig in den schwefeligen Schwaden des Kohlerauchs. Darüber schimpften frühe Umweltaktivisten. John Evelyn veröffentlichte 1661 die Schrift "Fumifugium", eine frühe Version einer Öko-Apokalypse, in der er die schlimmen Folgen der verpesteten Luft Londons ausmalt: Katarrh, Schwindsucht, chronischer Husten und andere Lungenkrankheiten plagten die Londoner mehr als die Bewohner irgendeiner anderen Stadt, schrieb er, und auch das Verhalten der von Giften gebeutelten Menschen sei aus dem Lot geraten. Selbst im königlichen Palast zu Whitehall hänge der Qualm mitunter so dicht, dass man sich kaum auf den Beinen halten, geschweige denn sein Gegenüber erkennen könne. Sein Forscherkollege John Graunt wies daraufhin, dass in London die Todesrate im Vergleich zum Land sicherlich wegen der schädlichen Emissionen der See-Kohle so viel höher liege.

Die gute, alte Zeit sie war dreckig und giftig. Smog, Qualm und verpestete Luft ziehen durch die Jahrhunderte. Die Spuren der Schwermetalle liegen noch heute in den Gletschern der Welt; und die Bewohner der großen Städte der Antike und des Mittelalters husteten den Qualm der unzähligen Feuer aus ihren schwarzen Lungen. Es klingt absurd, doch ausgerechnet im Zeitalter des Klimawandels und der schlimmsten Umweltzerstörungen aller Zeiten ist die Luftqualität in den Städten Westeuropas so gut wie nie zuvor. Das Verhältnis kehrt sich gewissermaßen um: Vor Jahrhunderten war Umweltzerstörung ein lokales Phänomen, das mit der Industrialisierung zu einem globalen Problem heranwuchs. Heute ist dieses globale Problem akuter denn je, doch haben sich lokal die Umstände meist verbessert: Dort ist der übelste Qualm verzogen.

© SZ vom 28.02.2015
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