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Trotz Nachhaltigkeit:Regenwald schrumpft weiter

Die Fläche des nachhaltig bewirtschafteten tropischen Regenwaldes weltweit ist deutlich gestiegen. Doch steigende Preise für Nahrung und Biotreibstoffe könnten diesen Fortschritt wieder zunichtemachen, sodass die Zerstörung der Wälder ungebremst weitergeht.

Christian Weber und Katrin Blawat

Die gute Nachricht zuerst: Von 2005 bis 2010 ist die Fläche des nachhaltig bewirtschafteten tropischen Regenwaldes auf der Welt um rund 50 Prozent gestiegen. Sie wuchs von 36 auf 50 Millionen Hektar; das entspricht ungefähr der Größe Thailands.

Brasiliens Parlament schwächt Schutz des Regendwaldes

In einigen Lädern, etwa Brasilien, Gabun, Guyana, Malaysia und Peru, gibt es Fortschritte im Bereich des nachhaltigen Forst-Managements. Doch die  Zerstörung geht weiter.

(Foto: dpa)

Die schlechte Nachricht: Das sind immer noch weniger als zehn Prozent der Gesamtfläche dieser ökologisch wichtigen Regionen, die insgesamt 761 Millionen Hektar des Planeten bedecken. In der Zukunft könnten insbesondere steigende Preise für Nahrung und Biotreibstoffe selbst diesen kleinen Fortschritt wieder zunichtemachen, sodass die Zerstörung der Wälder ungebremst weitergeht.

So lautet das ernüchternde Fazit der Internationalen Organisation für tropisches Holz (ITTO), die gestern in Bern den nach eigenen Angaben bislang umfassendsten Bericht zur Bewirtschaftung der tropischen Regenwälder vorstellte.

Er beruht auf detaillierten Statistiken aus 33 Ländern Afrikas, Asiens, Latein-amerikas sowie des pazifischen und karibischen Raums. "Der größte Erfolg ist, dass es die Daten überhaupt gibt", resümiert daher einer der Studienautoren, der ehemalige IUCN-Generaldirektor Duncan Poore - und setzt hinzu: "Ich bin aber enttäuscht, dass der Erfolg sich nicht schneller einstellt."

Immerhin lassen sich anhand der regionalen Daten deutlicher die Voraussetzungen für ein erfolgreiches, nachhaltiges Forst-Management erkennen. So gab es in den vergangenen fünf Jahren laut ITTO die größten Fortschritte in Brasilien, Gabun, Guyana, Malaysia und Peru. Trotz aller Unterschiede zeichnen sich diese Länder unter anderem dadurch aus, dass sie klare Pachtregelungen haben sowie starke Institutionen, die wiederum die bestehenden Forstgesetze und Verordnungen auch umsetzen und überwachen können.

Insofern überrascht es nicht, dass Krisenländer wie Kambodscha, Elfenbeinküste, die Demokratische Republik Kongo, Guatemala und Surinam ihre Wälder nach der neuen ITTO-Studie besonders schlecht bewirtschaften: In all diesen Staaten gab es in den vergangenen Jahrzehnten gewalttätige Konflikte, die den Aufbau von Institutionen und lokalen Initiativen bis heute behindern. In anderen Staaten wiederum, etwa in Nigeria und Papua-Neuguinea, fehle den staatlichen Forstverwaltungen schlicht das Geld für ihre Aufgaben. Gerade deshalb sei es wichtig, den lokalen Gemeinden und den einheimischen Menschen vor Ort klare Eigentumsrechte am Land zu verschaffen.

Doch zugleich betonen die Autoren, dass juristische Regelungen allein die tropischen Wälder nicht retten werden. "Der Schutz des Regenwaldes ist sehr stark eine Frage des Geldes", sagt Duncan Poore: "Es müssten mehr Länder dazu bereit sein, für zertifiziertes, das heißt teureres Tropenholz zu bezahlen." Hier liege das Problem: "In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation ist niemand bereit, mehr Geld als unbedingt nötig für Tropenholz zu zahlen."

Co-Autor Jürgen Blaser, stellvertretender Direktor der Schweizer Stiftung "Intercooperation" weist außerdem darauf hin, dass es daher in vielen Ländern attraktiver sein könnte, Waldflächen für den Anbau von Nahrung und Biotreibstoffen zu roden, denn deren Preise würden derzeit stärker steigen als die des Holzes: "Die Landwirtschaft war immer die stärkste Antriebskraft bei der tropischen Waldzerstörung, und es erscheint unwahrscheinlich, dass sich dies kurz- oder mittelfristig in vielen Ländern ändern wird."

© SZ vom 08.06.2011/mcs
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