Wissenschaftsgeschichte Blutige Exponate

Sklaven auf Surinam erlegen eine Riesenschlange, ein Wissenschaftler weist sie an.

(Foto: Florilegius/ SSPL via Getty Images)
  • Europäische Wissenschaftler nutzten einst den Sklavenhandel für ihre Forschung.
  • Doch Tausende Objekte, die in dieser Zeit gesammelt wurden, werden auch heute noch für die Gen- und Taxonomieforschung verwendet.
  • Die neuen Einsichten über den Zusammenhang von Wissenschaft und Sklavenhandel sollte in die aktuellen Diskussionen über Reparationen einfließen, fordern Historiker.
Von Sam Kean

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts schien die europäische Wissenschaft nahe daran zu sein, die gesamte Natur zu erobern. Isaac Newton hatte gerade seine Theorie der Schwerkraft veröffentlicht, Astronomen erforschten mit Teleskopen den Himmel, Mikroskope leisteten dasselbe in der Miniaturwelt. Fantastische neue Pflanzen und Tiere kamen aus Asien und Amerika nach Europa. Aber einer der wichtigsten Wissenschaftler war jemand, von dem bislang kaum jemand gehört hat: der Apotheker und Botaniker James Petiver. Der Naturforscher ist aus einem erstaunlichen Grund wichtig für die Geschichte der Wissenschaft: Er hatte beste Verbindungen zum Sklavenhandel.

Obwohl er London selten verließ, leitete Petiver ein globales Netzwerk von Seefahrern und Kapitänen an, die für ihn Tier- und Pflanzenproben in den Kolonien sammelten. Er richtete ein Museum und Forschungszentrum ein und verfasste gemeinsam mit Gastwissenschaftlern viel zitierte Studien. Weniger bekannt ist allerdings, dass etwa ein Drittel seiner Sammler im Sklavenhandel arbeiteten. So stellte Petiver letztlich die größte naturkundliche Sammlung der Welt zusammen.

"Es gibt eine Tendenz, die Wissenschaft immer als eine Kraft für das Gute zu sehen"

Und Petiver war nicht der Einzige. Die Auswertung alter wissenschaftlicher Arbeiten sowie Korrespondenzen zwischen Naturforschern und Aufzeichnungen der Unternehmen zeigen neue Verbindungen zwischen Wissenschaft und Sklaverei. "Als ich anfing zu graben, war ich überrascht, wie viel ich zu einem Thema fand, das so lange ignoriert wurde", sagt Kathleen Murphy, Wissenschaftshistorikerin an der California Polytechnic State University in San Luis Obispo. "Es gibt eine Tendenz, die Wissenschaft immer als eine Kraft für das Gute zu sehen. Wir neigen dazu, die Bereiche zu vergessen, in denen das nicht der Fall ist."

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Tausende Objekte, die beim Sklavenhandel gesammelt wurden, befinden sich immer noch an Orten wie dem Natural History Museum in London, sie werden auch heute noch für die Gen- und Taxonomieforschung verwendet.

All das wirft einen Schatten auf die vermeintlich heroische Ära der Wissenschaft. Dabei profitierte sie vom transatlantischen und extrem brutalen Sklavenhandel in der Zeit zwischen 1500 und 1800. Europäische Menschenhändler versklavten schätzungsweise zehn Millionen Afrikaner, wobei etwa die Hälfte den Transport über den Ozean nicht überlebte. Männer und Frauen waren wochenlang in heißen, verdreckten Schiffsräumen angekettet. Sie litten an Krankheiten und wurden für jeden Ungehorsam von den Seefahrern brutal bestraft.

Die meisten Schiffe, die Afrika und Amerika ansteuerten, waren im sogenannten Dreieckshandel unterwegs. Sie brachten Waffen und Fertigwaren nach Afrika, Sklaven nach Amerika und Farben, Medikamente sowie Zucker zurück nach Europa. Um also nach Afrika und Amerika zu gelangen, mussten Wissenschaftler mit diesen Schiffen mitfahren. Auch an Ort und Stelle brauchten die Forscher die Sklavenhändler für Nahrung, Unterkunft, Postverkehr und Ausrüstung.

Obwohl sich auch Frankreich, Portugal und die Niederlande am Sklavenhandel beteiligten, konzentrierten sich die meisten Historiker auf Großbritannien. Im 18. Jahrhundert verfügte die Seemacht über die größten und mächtigsten Flotten der Welt. Auch Spanien beteiligte sich am Sklavenhandel und kontrollierte damals den größten Teil Süd- und Mittelamerikas. Händler kauften Anfang des 18. Jahrhunderts jährlich bis zu 4800 Afrikaner als Sklaven - unter anderem von den Briten.

Wenn britische Sklavenschiffe in Lateinamerika ankamen, hatten die Besatzungen deshalb strenge Anweisungen, im Hafen zu bleiben und sich nicht an Land umzusehen. Aber Naturforscher wie Petiver wussten, dass die spanische Krone diese Regel in den fernen Kolonien nicht durchsetzen konnte. So warben die Forscher Besatzungsmitglieder an, die heimlich Proben sammelten.

Petiver beschäftigte hauptsächlich Schiffsärzte, die sich eigentlich um die Sklaven kümmerten. Sie hatten eine einigermaßen wissenschaftliche Ausbildung und viel Freizeit in den Häfen wie etwa Cartagena in Kolumbien oder Portobelo in Panama. Petiver gab ihnen Sammelgläser für Insekten und Pergamentpapier, um Pflanzen zu pressen und bezahlte mit Büchern, Medikamenten und Geld.

Einige dieser Verbindungsleute bildeten auf Wunsch von Naturforschern auch Sklaven zu Sammlern aus. Diese kannten schließlich viele Arten und bewegten sich in Regionen, die für Europäer unzugänglich waren. Diese als Sammler beschäftigten Sklaven bekamen allerdings praktisch nie Anerkennung für ihre Arbeit, Petiver zahlte ihnen lediglich eine halbe Krone (heute 18 Dollar) für jedes Dutzend Insekten oder zwölf Pence (sieben Dollar) für jedes Dutzend Pflanzen.

Der Naturforscher Petiver selbst sammelte im Ausland übrigens nie Proben, einige seiner Kollegen aber schon - und zwar auf fragwürdige Art und Weise. Der englische Naturforscher Henry Smeathman etwa segelte im Dezember 1771 zu einer Sklavenkolonie in Sierra Leone und sammelte Proben unter anderem für Joseph Banks, den langjährigen Präsidenten der Royal Society. Smeathman untersuchte unter anderem die bis zu vier Meter hohen Termitenhügel in Westafrika und vergnügte sich damit, die Hügel aufzubrechen und zuzusehen, wie Termiten-Soldaten den Angriff abzuwehren versuchten.

Wie der Historiker Deirdre Coleman von der University of Melbourne detailliert beschrieben hat, begann Smeathman seine Reise als Feind der Sklaverei und gelobte, die Wahrheit über "diese wenig bekannten und unterrepräsentierten Menschen" zu sagen. Als Wissenschaftler fühlte er sich den groben Sklavenhändlern überlegen, denen er zum Beispiel in Sierra Leone begegnete.

Doch auch Smeathman war in seiner Logistik komplett abhängig von diesen Männern. Aus Einsamkeit fing er an, Whist und Backgammon mit ihnen zu spielen, Ziegen zu jagen und viel Alkohol mit ihnen zu trinken. Und irgendwann handelte er selber mit Sklaven im Austausch für Expeditionsmaterial - und wurde so Stück für Stück Teil des Systems, das er doch einst verachtet hatte.