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USA:Entschädigung für Sklaverei wird Wahlkampf-Thema

Verkauf von Sklaven in den USA

Versteigerung afrikanischer Sklaven auf einem Markt in den Südstaaten um 1860.

(Foto: dpa)
  • In den USA wird diskutiert, ob die Nachfahren von Sklaven eine Entschädigung erhalten sollten.
  • Bislang hatten entsprechende Initiativen keine Chance. Auch ein Aufsehen erregendes Essay von 2014 blieb ohne Folgen.
  • Der Präsidentschaftswahlkampf könnte das ändern: Erste Kandidatinnen und Kandidaten der Demokraten denken über "Reparations" nach.

2014 stellte der schwarze Intellektuelle Ta-Nehisi Coates seinem Land eine Frage: Wie könne eine Gesellschaft dreieinhalb Jahrhunderte versuchen, einen Mann zum Krüppel zu machen, ihm danach 50 Jahre halbherzig Hilfe anbieten und sich dann noch wundern, dass er hinkt?

Coates spielte auf die Lage der Afroamerikaner an. In seinem Essay zeichnete er die Geschichte von der Sklaverei bis zum strukturellen Rassismus der Gegenwart nach und schloss mit einer radikalen Forderung: Entschädigungszahlungen für Afroamerikaner. "40 Morgen Land und einen Maulesel" hatten schließlich Unionisten jedem befreiten Sklaven kurz vor Ende des Bürgerkriegs 1865 in Aussicht gestellt.

Ein Versprechen, das nie erfüllt wurde. Die einzigen Entschädigungen gingen damals an die ehemaligen Sklavenbesitzer von Washington D.C., als Gegenleistung für die durch die Freilassung erlittenen Verluste.

Obwohl Coates' Essay Aufsehen erregte, blieb eine größere politische Debatte aus. Barack Obama, damals noch im Amt, hielt solche Geldzahlungen für kontraproduktiv. In Umfragen befürwortete nicht einmal jeder fünfte US-Amerikaner die Idee.

Thema im Vorwahlkampf

Nun, gegen Ende des Jahrzehnts, drängt das Thema plötzlich zurück auf die politische Tagesordnung. Die beiden prominenten demokratischen Präsidentschaftskandidatinnen Elizabeth Warren und Kamala Harris haben sich für eine Debatte über Reparationen ausgesprochen. Ebenso die demokratischen Außenseiter im Wettbewerb um die Kandidatur Julián Castro und Marianne Williamson. "Ich glaube seit Langem, dass dieses Land sich seiner Ur-Sünde der Sklaverei stellen sollte", sagte Castro, ehemaliger Minister für Stadtentwicklung unter Obama und Ex-Bürgermeister von San Antonio.

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Diese Entwicklung ist ungewöhnlich. "Historisch betrachtet, ging es in der Diskussion lange um Integration, die gleichen Rechte für Afroamerikaner", sagt der schwarze Jura-Professor Carlton Waterhouse, der zu diesem Thema zahlreiche Aufsätze verfasst hat. "Demokratische Kandidaten weichen dem Thema normalerweise immer aus und sagen, wir müssen Bildung und Chancen verbessern. Das könnte sich jetzt ändern, weil afroamerikanische Anliegen vor der Wahl größere Beachtung geschenkt wird."

Kritiker merken an, dass die Umsetzung kompliziert wäre. Sollten zum Beispiel nur nachgewiesene Nachfahren von Sklaven Geld erhalten? Wie viel Geld wäre das? Würden auch reiche Afroamerikaner etwas erhalten? Und wieso sollten Nachfahren von Einwanderern, die nach 1865 kamen, dafür bezahlen?

Waterhouse zum Beispiel regt an, die Reparationen auf die Jim-Crow-Ära zu beschränken. Diese begann mit der Verabschiedung bundesstaatlicher Gesetze Ende des 19. Jahrhunderts, die die Rassentrennung, strukturelle Diskriminierung und staatlichen Rassismus festschrieben. Die Ära dauerte bis zu den Bürgerrechtsgesetzen der 1960er.