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Archäologie:"Das ist steinzeitliches Hightech"

Die kleinen großen Dinge: Unterschätzte Innovationen der Menschheitsgeschichte. SZ-Serie · Folge 4

Ohne Seile würden weder die Pyramiden noch Stonehenge existieren. Die Erfindung wurde vermutlich vor 40 000 Jahren gemacht - im heutigen Deutschland.

Das Seil ist eines dieser Dinge, von denen man annimmt, sie seien schon immer da gewesen, weil sie einem so selbstverständlich vorkommen. So wie das Rad vielleicht, dessen einfache Form ebenfalls etwas Ewiges hat. In der Natur gibt es in beiden Fällen kein echtes Vorbild. Eine Liane kommt dem Seil vielleicht am nächsten, doch sie ist deutlich weniger belastbar und zugfest.

Ein Seil ist also eine wahrlich große Erfindung. Es vereint Festigkeit und Flexibilität, eine perfekte Kombination. Mit einem Seil lässt sich etwas ziehen, mit Hilfe von Umlenkvorrichtungen wie in Flaschenzügen sogar in die Höhe. Schon beim Bau der Pyramiden vor mehr als 4500 Jahren kamen Seile zum Einsatz, aus dieser Zeit sind auch die ältesten Zeichnungen überliefert. Auch die noch älteren Megalithbauten in Frankreich oder Großbritannien wie Stonehenge wären ohne Seile undenkbar gewesen, die riesigen Steine sind mit ihrer Hilfe oft über Hunderte von Kilometern bewegt worden.

Unterschätzte Innovationen

Viele Dinge sind so selbstverständlich, dass ihr Einfluss auf unser Leben oft unterschätzt wird. Die SZ-Serie "Die kleinen großen Dinge" beleuchtet wichtige Erfindungen der Menschheitsgeschichte.

Ein gutes, belastbares Seil zu machen, ist nicht eben einfach. Den Beruf des Seilers gab es bereits im Alten Ägypten. Doch erst jüngst zeigten Heidelberger Archäologen um Nicholas Conard, wie alt die Erfindung wirklich ist, nämlich mehr als 40 000 Jahre. In der Höhle Hohle Fels auf der Schwäbischen Alb, in der auch die frühste figürliche Kunst gefunden wurde, entdeckten Archäologen das älteste Seilwerkzeug der Menschheitsgeschichte. Unscheinbar sieht das aus Mammutelfenbein gefertigte, gut zwanzig Zentimeter lange Stück mit den vier Löchern darin aus. Zunächst dachten die Forscher, dass es sich vielleicht um ein unbekanntes Musikinstrument handeln könnte.

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Erst nach umfangreichen Versuchen erkannten Experimentalarchäologen um Veerle Rots von der Universität Lüttich, dass die eiszeitlichen Menschen damit Stricke aus Pflanzenfasern hergestellt haben. Lange Lein- oder Hanffasern oder auch Rohrkolbenblätter lassen sich leicht durch die vier sauber gearbeiteten, spiralförmig eingeschnitzten Löcher der Elfenbeinleiste fädeln und sorgfältig verdrillen. Verknotet man die Rohrkolbenblätter zwischendurch, lassen sich sogar meterlange Schnüre und Seile von hoher Reißfestigkeit machen. "Das ist steinzeitliches Hightech", sagt Nicholas Conard. Es sei das erste Werkzeug in der Menschheitsgeschichte, von dem man wisse, dass es zur Herstellung von Seilen verwendet wurde - im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren kann man es besichtigen. Die Qualität der Seile belegt zudem, wie kunstfertig die Menschen bereits vor 40 000 Jahren waren, als sie eben erst nach Mitteleuropa eingewandert waren.

Die Grundidee, aus dünneren, weniger belastbaren Fasern ein dickes, stabiles Seil zu machen, ist bestechend. Das jeweilige Seil lässt sich zudem an seinen Einsatzzweck anpassen. In einem Fischernetz, das auch schon nach dem Ende der letzten Eiszeit in Mitteleuropa vor gut 12 000 Jahren häufig genutzt wurde, waren die Schnüre dünner; nutzte man sie zum Lastentransport, waren sie entsprechend dicker.

Ein Seil wiederum ist seinerseits eine Art Innovationsmotor. Ohne Seile hätte es keine Segelschiffe gegeben, auch Kräne, komplexere Maschinen wie Katapulte oder Aufzüge brauchen Seile. Die Materialien haben sich im Lauf der Zeiten verändert, heute verwendet man vor allem Stahldrähte oder Kunststofffäden, um hochreißfeste Seile zu machen, wie sie in Hängebrücken oder bei Seilbahnen zum Einsatz kommen.

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