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Höhlenmalerei:Die erste Revolution der Kunst

Vor 77 000 Jahren begannen Menschen, gezielt mit Farbstoffen wie Ocker zu experimentieren

Vor 40 000 Jahren entstanden in einer französischen Höhle die ersten fantastischen Gemälde. Ein besonderer Brocken, den die Steinzeitmenschen entdeckten, ermöglichte die kreative Explosion.

Von der Ortsmitte von Roussillon im Süden Frankreichs läuft man an einer Eisdiele vorbei eine kleine Anhöhe hoch - und plötzlich sieht man, dass das gesamte Dorf auf farbigen Felsen gebaut ist. Rostrot oder goldgelb leuchten die Hänge zwischen dem satten Grün der Bäume. Wer den Weg weiter geht, steht bald selbst zwischen mächtig aufragenden Ockerfelsen - und ist schier erschlagen von der Leuchtkraft dieser natürlichen Farben. Berühren die Hände einen Felsen, sehen sie so aus, wie man es aus prähistorischen Höhlenwänden kennt: wie ein rot leuchtender Abdruck.

Es ist wohl kein Zufall, dass unweit von hier Menschen tief im Inneren der Karsthöhle von Chauvet im Tal des Flusses Ardèche mit genau diesem Ocker vor etwa 40 000 Jahren die ältesten Meisterwerke der Kunst schufen - farbige Abdrücke einer menschlichen Hand ebenso wie unglaublich ausdrucksstarke Tiertableaus, gewaltige Wollnashörner mit großem Maul, ein Rudel Höhlenlöwen. Sogar das erste Mischwesen der Menschheitsgeschichte findet sich, halb Frau, halb Stier.

Unterschätzte Innovationen

Viele Dinge sind so selbstverständlich, dass ihr Einfluss auf unser Leben oft unterschätzt wird. Die SZ-Serie "Die kleinen großen Dinge" beleuchtet wichtige Erfindungen der Menschheitsgeschichte.

Die Bilder gehören zu den ältesten Kunstwerken, erstellt von Menschen, die wohl so ähnlich fühlten und dachten wie wir. Sie nutzten die Leuchtkraft des Ockers, zauberten Meisterwerke der bildenden Kunst an die Wand. Die Ockerbrocken stehen daher symbolisch für einen Quantensprung in der Menschheitsgeschichte: Der Homo sapiens begann, ein kulturelles Wesen zu werden. Mit der darstellenden Kunst entstand eine ganz neue Kommunikationsform. Man könnte sogar sagen, dass damit die menschliche Geschichte erst wirklich begann. Der Mensch fing an, über sich selbst nachzudenken, was eine kognitive Revolution voraussetzte. Die Brocken wurden zum wertvollen Tauschgut, dafür gab es Feuersteinklingen oder Tierhäute.

Die Ouvertüre zu dieser gewaltigen Revolution begann schon etwas früher. Seit mindestens 250 000 Jahren verwenden Menschen Farben, übrigens auch die Neandertaler. Sie rührten etwa das eisenhaltige Mineral Hämatit mit Wasser zu einer Flüssigkeit an oder mischten Ocker in diverse Tinkturen. Oft ist allerdings der Einsatzzweck der farbigen Mineralien nicht klar. Anthropologen meinen, dass die Neandertaler oder die Menschen Ocker auch als Insektenschutzmittel eingesetzt haben könnten oder als Konservierungsmittel für Nahrung oder Tierhäute oder als Beimischung in Klebstoffen.

Vor etwa 77 000 Jahren gab es dann erste zaghafte Versuche, Farbe zur Erstellung von Symbolen zu verwenden. In der Blombos-Höhle in Südafrika direkt am Indischen Ozean fanden Anthropologen handtellergroße, eigens geglättete Ockerstücke mit feinen, geometrischen Schraffuren. Es sind erste Objekte mit einer zusätzlichen Bedeutung, auch wenn wir deren Sinn bis heute nicht verstehen.

Die am tiefsten greifende Veränderung aber passierte in Mitteleuropa, in Südfrankreich und in der Schwäbischen Alb. Vor etwa 40 000 Jahren gab es eine regelrechte Explosion der Kunst, eine neue, komplexere Bild- und Formensprache war entstanden. In der Schwäbischen Alb tauchten geschnitzte Skulpturen auf, Frauenfiguren, Löwenmenschen - und parallel die ersten Musikinstrumente, Flöten aus Schwanenknochen und Mammutelfenbein. Die erwähnten Zeichnungen von Chauvet oder im spanischen Altamira belegen die Fähigkeit der Menschen, über sich hinauszudenken, sich sogar wie bei den Mischwesen Dinge vorzustellen, für die es kein reales Vorbild gab.

In der berühmten Höhle von Lascaux in der Dordogne tummeln sich Auerochsen an den Wänden, gemalt mit Ockerfarben und Manganoxid, darunter schräg versetzt vier Pferde mit im Galopp aufragenden Mähnen. Das Maul des letzten Pferdes steht leicht offen, seine Lippen und die Nüstern sind so gezeichnet, dass das Tier fast ein bisschen überrascht wirkt. Der spanische Maler Pablo Picasso besuchte 1940 die seinerzeit gerade erst entdeckte Höhle. Sichtlich bewegt sagte dieser große Künstler der Moderne, als er die Bilder der Stiere und Pferde erblickte: "Wir haben nichts dazugelernt!"