bedeckt München 21°

Sensationeller Knochenfund:Homo X

Ein kleines Knochenstück aus der Zeit der Neandertaler könnte sich als Sensation entpuppen. Genanalysen deuten darauf hin, dass es von einer ganz neuen Menschenform stammt.

Es ist nur ein sieben Millimeter langer Knochensplitter, der viele Jahrtausende in einer Höhle im spärlich besiedelten Altai-Gebirge in Südsibirien lag. Doch vielleicht verbirgt sich in ihm eine wissenschaftliche Sensation: Das Fragment liefert Hinweise auf eine bislang unbekannte Menschenform - vielleicht sogar auf eine ganz neue Art. Anders als bislang angenommen, lebten demnach vor 30.000 bis 50.000 Jahren in Zentralasien nicht nur der Neandertaler und der moderne Mensch nebeneinander, sondern auch jene neu entdeckte Menschenform, die ihre Entdecker im Fachblatt Nature (online) etwas unbeholfen nach dem Namen des Fundortes als "Denisova-Mensch" bezeichnen. Wer aber war dieser Mensch?

Das Team um die Paläogenetiker Johannes Krause und Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie musste all seine Erkenntnisse aus einem sieben Millimeter kurzen Stückchen eines Fingerknochens gewinnen. Bence Viola, der im Team für die morphologischen Untersuchungen des Materials zuständig war, kann daher nur einige Stichworte geben: Der Knochensplitter muss von einem Kind stammen, vielleicht fünf bis sieben Jahre alt, Geschlecht unbekannt.

Weitaus ergiebiger war hingegen die genetische Analyse des Fundes. Krause und Pääbo untersuchten die DNS in den Mitochondrien der Knochenzellen. Sie wird jeweils von der Mutter an ihre Nachkommen weitergegeben und lässt sich leichter isolieren und entziffern als das Erbgut im Zellkern.

Anschließend verglichen die Forscher das neu sequenzierte Genom mit den Mitochondrien-Genomen von 54 heute lebenden Menschen sowie mit den Genomen von sechs Neandertalern. Während sich das Erbgut des Neandertalers und das des modernen Menschen an etwa 200 Positionen unterscheiden, sind es im Erbgut des Denisova-Menschen knapp 400 Stellen. Aus weiteren Analysen schließen die Forscher, dass der letzte gemeinsame Vorfahre dieser drei sogenannten Homininen vor etwa einer Million Jahre gelebt haben muss.

"Wir haben Hinweise auf eine Menschenform gefunden, die irgendwie neu und anders ist", erläutert Pääbo. Bewusst wählt der Paläogenetiker eine schwammige Formulierung, denn genau geklärt ist die Identität des Neandertaler-Zeitgenossen noch nicht. Gehört er vielleicht einer ganz neuen Menschenart an? "Das wäre natürlich sensationell", sagt der an der Studie beteiligte Bence Viola. Oder ist der Denisova-Mensch lediglich eine Variante eines bereits bekannten frühen Menschen?

Spätestens seit dem inzwischen jahrelang andauernden Streit um den Flores-Menschen, benannt nach der gleichnamigen indonesischen Insel, sind solche Fragen mehr als nur Kleinigkeiten für Paläoanthropologen. Der Aufregung um die mögliche Entdeckung einer neue Menschenart begegnet Pääbo mit einer weiteren Vermutung: "Es kann auch sein, dass wir das Erbgut eines Neandertalers untersucht haben, dessen Ur-Ur-Urgroßmutter einer unbekannten Menschenvariante angehörte. Wir können nur spekulieren."

Das gilt auch für die "eigentlich spannende Frage", wie Pääbo sagt: Wie eng lebte der Denisova-Mensch mit dem Neandertaler und dem modernen Menschen zusammen? "Das Altai-Gebirge ist zwar groß", sagt Bence Viola. "Aber dann auch wieder nicht so groß, dass man sich nicht innerhalb einiger tausend Jahre mal über den Weg läuft." Womöglich also pflanzte sich der Denisova-Mensch sogar mit den beiden anderen Arten fort. Der Neandertaler und der moderne Mensch jedenfalls hatten miteinander Sex, vermuten mehrere Forscher.