Schadstoffe Firmen unterlaufen Chemie-Kontrollen der EU

Prüfung beim TÜV Rheinland: Viele Schadstoffe werden spät entdeckt.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)
  • In Alltagsgütern wie Spielzeug und Möbeln werden Tausende Tonnen von Chemikalien verwendet, ohne hinreichend auf Risiken geprüft zu sein.
  • Das zeigen Untersuchungen deutscher Behörden. Die Firmen unterlaufen damit die Kontrollen ihrer Chemikalien auf EU-Ebene.
  • Giftige Alltagschemikalien werden für eine Reihe von Umwelt- und Gesundheitsproblemen verantwortlich gemacht, etwa für sinkende Fruchtbarkeit.
Von Markus Balser und Kathrin Zinkant

In Europa können im großen Stil gesundheits- und umweltgefährdende Chemikalien im Einsatz sein. Das zeigt nach Informationen der Süddeutschen Zeitung eine Untersuchung deutscher Behörden. In Alltagsgütern wie Lebensmitteln, Möbeln, Farben, Parfum oder Kinderspielzeug werden demnach Tausende Tonnen von Substanzen verwendet, ohne hinreichend auf Risiken geprüft zu sein. Mindestens ein Drittel aller häufig in Europa produzierten oder nach Europa importierten Chemikalien verstößt nach einer Prüfung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) gegen EU-Auflagen. Das Umweltbundesamt bezeichnet die Ergebnisse am Donnerstag als "sehr besorgniserregend".

Schon seit 2010 müssen Unternehmen Substanzen, die sie herstellen oder verwenden, durch die Europäische Chemikalienagentur Echa registrieren lassen - und dabei genau aufgeschlüsselte Dossiers mit umwelt- und gesundheitsrelevanten Daten und Studien einreichen. Die letzten Fristen dafür liefen Ende Mai aus. Doch die Industrie widersetzt sich der Maßnahme zum Ärger der Behörden in großem Ausmaß. "Viele Firmen haben lückenhafte Daten vorgelegt. Relevante Tests fehlen", beklagt Nannett Aust, Leiterin des Fachgebiets Chemikalien beim Umweltbundesamt.

Nach Angaben des BfR beziehen sich diese fehlenden Daten und Tests etwa auf die Schädlichkeit für Ungeborene oder auf die Giftigkeit für im Wasser lebende Tiere und Pflanzen. Triftige Gründe dafür, dass die Firmen die geforderten Daten nicht beibringen könnten, gibt es laut BfR nicht. "Umwelt- oder Gesundheitsrisiken durch den Einsatz von Chemikalien lassen sich so nicht ausschließen", sagt Aust.

"Viele Firmen haben lückenhafte Daten vorgelegt. Relevante Tests fehlen."

Damit torpedieren die Unternehmen den Versuch, mehr Schutz für die Bürger zu schaffen und einen bislang weitgehend im Dunkeln agierenden Markt stärker unter Kontrolle zu bringen. Denn Chemikalien mussten bislang nicht zugelassen werden, sie wurden einfach benutzt. Oft wurde erst nach Jahrzehnten des Gebrauchs festgestellt, welche fatalen Wirkungen einige Stoffe haben.

Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte Bisphenol A, ein Plastikgrundstoff, der noch bis vor sieben Jahren in Babyschnullern eingesetzt werden durfte. Die Substanz wirkt ähnlich wie das Sexualhormon Östrogen und kann sich auf die körperliche Entwicklung und auf die Fruchtbarkeit auswirken. Seit der Einführung der EU-Chemikalienverordnung (Reach) 2007 hätten Unternehmen nun eigentlich nach und nach für alle Stoffe erklären müssen, wie sie in der Umwelt abgebaut werden, wie sie auf die Fortpflanzungs- und Entwicklungsfähigkeit einwirken, ob und wie sie sich in Organismen anreichern, wie sich ihre Giftigkeit verändert, ob sie Krebs erzeugen oder Erbgut schädigen können.

Dass sich viele Unternehmen dem verweigern, halten Umweltschützer für gefährlich. Der Kontakt mit giftigen, aber noch nicht überprüften Alltagschemikalien werde für eine Reihe von Umwelt- und Gesundheitsproblemen verantwortlich gemacht, etwa für sinkende Fruchtbarkeit, für Krebs- und andere Erkrankungen, sagt das Europäische Umweltbüro EEB, das größte Netzwerk europäischer Umweltverbände. Die Aufnahme der Stoffe über die Haut oder die Lunge könne ein Grund für die Zunahme von Krebs, Diabetes oder neurologischer Erkrankungen sein. Das Umweltbüro hatte zuerst über die Datenlücken informiert.

Wie groß die Grauzone für Chemikalien insgesamt ist, lässt sich noch nicht abschätzen. Laut Umweltbundesamt werden in Industrie und Produktion 145 000 Chemikalien eingesetzt. Registriert sind in Europa bisher aber nur 21 500. Lediglich ein kleiner Teil der Dossiers ist bereits geprüft. Im ungünstigsten Fall ist die sichere Verwendung der Stoffe laut BfR nicht gewährleistet. Die Behörden hoffen nun, dass Europa die Regeln für die Industrie verschärft. "Die Unternehmen haben trotz lückenhafter Daten die Erlaubnis zum Verkauf der Stoffe", sagt UBA-Expertin Aust. "Wir erwarten, dass die europäische Chemikalienagentur Echa die gelieferten Daten intensiver als bisher prüft." Der Druck der Behörden müsse größer werden.

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