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Russischer Mathematiker:Strafkolonie und Folter für eine zerbrochene Fensterscheibe

MOSCOW, RUSSIA - JANUARY 18, 2021: Defendant Azat Miftakhov (L), a postgraduate at Lomonosov Moscow State University, at

Der 28-jährige Azat Miftakhov, Mathematiker an der Moskauer Staatsuniversität, wurde zu sechs Jahren Strafkolonie verurteilt - trotz internationalen Protests von Wissenschaftlern. Bis zu seiner Verhaftung hatte er brillante Arbeit in Wahrscheinlichkeitstheorie und stochastischen Prozessen geleistet.

(Foto: Press Office of Moscow s Golovin via www.imago-images.de/imago images/ITAR-TASS)

Der russische Mathematiker Azat Miftakhov muss sechs Jahre in Haft, Menschenrechtler vermuten dahinter politische Gründe. Nun regt sich Widerstand von Top-Mathematikern gegen das Urteil.

Von Allyn Jackson

Vor einigen Tagen schlossen sich Mathematiker auf der ganzen Welt zu einer Solidaritätsbekundung mit einem ihrer jungen Mitglieder, dem 28-jährigen Azat Miftakhov. Er ist seit zweieinhalb Jahren in Russland inhaftiert und sieht nun einer sechsjährigen Haftstrafe entgegen.

Insgesamt verfolgten etwa 1660 Menschen die Liveübertragung der Veranstaltung, den Azat Miftakhov Day. Organisiert vom Miftakhov-Komitee, einer internationalen Gruppe von zehn Mathematikern, kombinierte die Veranstaltung drei Mathematik-Vorlesungen mit Informationen über Miftakhovs Fall. "Dies ist einer unserer Kollegen, ein Mitglied unserer Gemeinschaft, mit dem wir Arbeit und mathematische Träume geteilt haben", sagte Cédric Villani in seiner Eröffnungsrede. Villani, der 2010 die Fields-Medaille erhielt, die höchste Auszeichnung in der Mathematik, ist heute Abgeordneter in der französischen Nationalversammlung. Die Fokussierung auf Miftakhov könne den rund 100 000 politischen Gefangenen auf der ganzen Welt helfen, sagte er. "Mathematiker und Wissenschaftler müssen immer gegen Absurdität und Ungerechtigkeit aufstehen."

Die Zeugen: geheim. Einer starb, bevor er verhört werden konnte

Der 1993 in der russischen Teilrepublik Tatarstan geborene Miftakhov zeigte schon früh Talent in Mathematik und studierte an der Moskauer Staatsuniversität, einem der wichtigsten Zentren für Mathematik in Russland. Als Student engagierte er sich in anarchistischen Bewegungen. Bis 2018 hatte er brillante Arbeit in Wahrscheinlichkeitstheorie und stochastischen Prozessen geleistet und war auf dem besten Weg, seinen Doktortitel zu erlangen, als er im Februar 2019 plötzlich verhaftet wurde, unter dem Verdacht, er habe Sprengstoff hergestellt.

Drei Tage später ließ die Polizei Miftakhov aus Mangel an Beweisen wieder frei - nur um ihn noch am selben Tag erneut zu verhaften, diesmal unter dem Vorwurf, ein Fenster eines Gebäudes der Partei "Einiges Russland" eingeschlagen zu haben. Das Fenster war mehr als ein Jahr zuvor eingeschlagen worden. Zwei Zeugen, deren Identitäten geheim gehalten wurden, lieferten Beweise. Einer der Zeugen starb im Januar 2020 und konnte daher nicht mehr ins Kreuzverhör genommen werden.

"Klingt das nicht wie ein Scherz?", sagte Villani über den Fall gegen Miftakhov. Aber es ist kein Scherz. Im Januar wurde Miftakhov wegen "Hooliganismus" aus politischem Hass zu sechs Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt. Die ganze Zeit über beteuerte der Forscher seine Unschuld. Er sagte, er sei geschlagen und gefoltert worden, Menschenrechtsvertreter haben Anzeichen dafür an seinem Körper bestätigt.

Nach Alexej Nawalny ist Miftakhov der wohl bekannteste politische Gefangene in Russland. Zwei Online-Petitionen fordern seine Freilassung: Eine in Russland zählt 86 000 Unterschriften, die andere 3200 Unterschriften von Mathematikern aus 15 Ländern. Im Januar unterzeichneten 50 Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften einen Brief, der die Freilassung von Miftakhov fordert. Mathematische Gesellschaften in Brasilien, England, Frankreich, Italien und den USA haben Erklärungen abgegeben, in denen sie gegen seine Inhaftierung protestieren, ebenso wie Menschenrechtsorganisationen.

Wird bald in Russland der höchste Mathematik-Preis vergeben? Manche finden das unerträglich

Einer der russischen Mathematiker, die sich für Miftakhov einsetzen, ist Anatoli Vershik, Professor an der St. Petersburger Niederlassung des Steklow-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften. Geboren 1933, verbrachte Vershik einen Großteil seines Lebens unter dem sowjetischen System. Es sei offensichtlich, dass das Gericht keine Beweise für ungesetzliche Aktivitäten von Miftakhov gehabt habe, so Vershik. Russland "kehrt zu einem sowjetischen, stalinistischen System zurück und driftet immer weiter von einer zivilisierten Norm weg".

Dabei hat Russland eine herausragende mathematische Geschichte. Das Feld blühte in den Jahren der Sowjetunion auf, als die Mathematik einen geistigen Zufluchtsort für viele brillante Köpfe bot. Die mathematische Tradition wurde stark geschwächt, als viele der besten Mathematiker nach dem Fall der UdSSR das Land verließen. In Anerkennung der Wiederbelebung der russischen Mathematik in den vergangenen Jahrzehnten plant die International Mathematical Union (IMU), ihren alle vier Jahre stattfindenden Kongress im Jahr 2022 in St. Petersburg abzuhalten. Der Kongress ist die wichtigste internationale Veranstaltung in der Mathematik und beinhaltet die Verleihung der Fields-Medaillen.

Im Januar unterzeichneten 47 Mathematiker, darunter die zehn Mitglieder des Miftakhov-Komitees, einen Brief an die Organisatoren des Kongresses. "Die Teilnahme am Kongress, während unser Kollege Azat Miftakhov willkürlich inhaftiert ist, stellt ein ernstes Dilemma für uns und für die gesamte mathematische Gemeinschaft dar", schrieben sie.

Während der Inhaftierung konnte Miftakhov mathematische Arbeit leisten, teilweise durch Korrespondenz mit dem russischen Mathematiker Alexander Bufetov vom Institut de Mathématiques in Marseille und dem Steklow-Institut in Moskau. Doch kurz vor dem Miftakhov-Tag erhielten die Mathematiker die düstere Nachricht, dass das Moskauer Stadtgericht Miftakhovs letzte Berufung abgelehnt hat. Er soll in den nächsten Tagen in eine Strafkolonie verlegt werden. "Vor dem schrecklichen Sechs-Jahres-Urteil war ich hoffnungsvoller", sagt Bufetov. Doch er und seine Kollegen wollen nicht aufgeben.

"Wir werden nicht lockerlassen, bis Azat frei ist", sagt Ahmed Abbes, Mitglied des Miftakhov-Komitees und Forscher am Institut des Hautes Études Scientifiques außerhalb von Paris. "Die lange Tradition unserer Gemeinschaft, die Menschenrechte zu verteidigen, hat gezeigt, dass sich Hartnäckigkeit auszahlt."

© SZ
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