Riffsterben:Das Klima verändert sich derzeit viel zu schnell für die Korallen

Für die Korallen dürfte es auf jeden Fall sehr schwer werden, sich gegen die Angriffe zu wappnen. Viele Korallen leben bis zu 400 Jahre lang - das ist zu lang, um sich durch zügige Auslese über mehrere Generationen auf die veränderte Situation einzustellen. "Wir verändern die chemische Zusammensetzung der Ozeane wahrscheinlich in einem Tempo, bei dem den Korallen keine Zeit bleibt, sich anzupassen", sagt Hay.

Bislang konnten manche Korallen noch um Hilfe rufen, wenn sie von Seetang attackiert wurden. Etwa die Korallenart Acropora nasuta, die nach feindlichem Angriff Duftstoffe aussendet, wie Forscher des Georgia Institute of Technology im Jahr 2012 in der Fachzeitschrift Science belegten. Wenige Minuten nach dem Duftalarm rückten Grundeln an und fraßen den Eindringling auf. So beschützen die Fische nicht nur die Korallen, die ihnen Unterschlupf und Nahrung bieten, sondern machen sich selbst durch die toxische Kost weniger attraktiv für Fressfeinde. "Die Fische halten das Algenwachstum auf einem niedrigen Level", sagt Hay. Nur: Weil der Mensch die Riffe überfischt, fehlen den Korallen zunehmend ihre Beschützer.

Es bringt gar nichts, den Seetang an den Riffen auszurupfen. Er wächst viel zu schnell nach

Der Mensch kann jedenfalls kaum einspringen. "Das Ausmaß des Problems ist so groß, dass es wenig bringen würde, ein Bündel Seetang aus dem Riff zu rupfen, denn es wächst einfach nach und regeneriert sich", sagt Guillermo Diaz-Pulido von der australischen Griffith University, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. "Um dem wirklich etwas entgegenzusetzen, müssen wir die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre senken."

Das würde auch das derzeit größte Problem für die Korallen mildern: Die Erwärmung der Ozeane durch den Klimawandel. Als Mark Hay im Jahr 2013 seine Verbände um die Korallen im Great Barrier Reef wickelte, zeigte sich ihm das Riff noch in seiner ganzen Pracht. Danach jedoch gab es zwei extreme Hitzejahre in Folge - mit Bleichen in großen Teilen des Riffs.

Das könnte in Zukunft zum Normalfall werden, wie Forscher um Ruben van Hooidonk von der Universität Miami im Fachblatt Scientific Reports gezeigt haben. Mithilfe von Klimamodellen haben sie abgeschätzt, welche Korallenriffe auf der Welt Jahr für Jahr aufs Neue von schweren Korallenbleichen betroffen sein werden - spätestens von diesem Punkt an sind drastische und dauerhafte Veränderungen an einem Riff unvermeidlich.

Am anfälligsten sind demnach Riffe nahe dem Äquator, vor allem vor Indonesien, Taiwan und in der Karibik. Im weltweiten Durchschnitt beginnt die Phase der jährlichen Bleichen im Jahr 2043, falls die CO₂-Emissionen weiter steigen sollten. Bis zum Ende des Jahrhunderts dürfte es in diesem Fall 99 Prozent der Korallenriffe treffen. Und da ist die Ozean-Versauerung noch gar nicht mit einberechnet - van Hooidonk nimmt an, dass sie sich erst in Jahrzehnten ernsthaft bemerkbar macht.

Was die Zukunft der Meere angeht, ist die Versauerung bislang jedoch noch eine große Unbekannte. Wie stark sie sich auf Korallen auswirkt, bleibt umstritten. Viele Studien, die einen negativen Effekt nachwiesen, wurden kritisiert, weil sie nur auf Laborexperimenten beruhten. Allerdings mehren sich die Anzeichen, dass die Veränderung Korallen sehr zu schaffen machen wird: Schon heute fällt es ihnen offenbar schwerer, ihre Kalkschalen auszubilden. Der pH-Wert der Ozeane ist durch die CO₂-Anreicherung seit der Industrialisierung bereits um 0,1 Einheiten gefallen.

Mark Hay warnt davor, Erwärmung und Versauerung gegeneinander auszuspielen. "Wir kommen nicht weiter, indem wir uns streiten, welches von beidem schlimmer ist", sagt er. "Beides passiert. Und keines von beiden ist gut." Egal ob Überfischung, Erwärmung oder Versauerung - am Ende werden Korallen geschwächt, und der Seetang profitiert.

© SZ vom 01.03.2017/chrb
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