Riesenmammutbäume Die Retter der Riesen

Sequoiadendron giganteum zählen zu den größten Bäumen der Welt

(Foto: Joi Ito/Flickr/Sequoias/CC-by-2.0)

Dürre und Klimawandel bedrohen die Riesenmammutbäume Kaliforniens. Um sie zu retten, klettern waghalsige Forscher in die Kronen der größten Bäume der Welt.

Von Stefan Wagner, Sequoia-Nationalpark

Die Riesen rauben den Besuchern des Waldes die Sprache. Schweigend gehen die Forscher über den federnden Boden, er ist bedeckt von Nadeln. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, die Lichter ihrer Stirnlampen fallen auf mächtige rote Säulen. Kathedralenstimmung. Jedes Wort wäre zu laut, jedes Geräusch würde die ehrfürchtige Stille zerreißen. Ein heiliger Ort. Wendy Baxter blickt auf ihre handgemalte Karte, dann auf die mächtigen Baumstämme, die sich um sie herum nach oben in die Dunkelheit verlieren. "Das muss er sein", sagt sie leise und zeigt auf einen der Baumriesen, "Nummer 233". Dann lässt sie ihren Rucksack mit dem Klettergurt auf den Boden gleiten.

Der Giant Forest, der "Wald der Giganten", im Sequoia Nationalpark in Kalifornien beherbergt die mächtigsten Bäume der Erde. Tausende Riesenmammutbäume wachsen hier, darunter der Rekordhalter, der "General Sherman Tree", mit 84 Metern Höhe, 31 Metern Stammumfang und 1500 Kubikmetern Stammvolumen der voluminöseste Baum der Welt. Wollten sie ihn umarmen, müssten 17 Erwachsene ihn mit ausgestreckten Armen umfassen. Der hölzerne Riese wiegt so viel wie 20 ausgewachsene Blauwale oder vier vollbeladene Airbus A380. Um ihn herum recken sich vier weitere der zehn größten Bäume der Welt in den Himmel. Hier in der Sierra Nevada stehen auf etwa 150 Quadratkilometern die weltweit letzten Bestände des Sequoiadendron giganteum. Doch die Rekordbäume sind bedroht.

Ausgetrocknete Bäume

Eine anhaltende Dürre lässt Kalifornien vertrocknen. Auch wenn der vergangene Winter niederschlagsreicher war, gibt es seit fast sechs Jahren zu wenig Schnee und Regen. Gleichzeitig verbrauchen die knapp 40 Millionen Kalifornier Rekordmengen an Wasser. 2016 starben nach Angaben der US-Forstbehörde in dem Bundesstaat an der Westküste der USA 62 Millionen Bäume. Mehr als 102 Millionen Bäume sind in der ab 2011 herrschenden Dürrephase verdurstet und ausgetrocknet, Millionen weitere sind dem Tod geweiht. Zunächst verendeten nur die Bäume in den Ebenen, die Kiefern, Pappeln, Fichten und Eichen, dann kroch der Tod die Berge hoch. Nun bedroht er die Mammutbäume, die in 1600 bis 2200 Metern Höhe wachsen. Bäume, die über Jahrtausende Stürmen, Waldbränden und Krankheiten getrotzt haben, zeigen Anzeichen von Stress, braune Blätter, absterbende Zweige. Im Januar 2017 fiel der "Tunnel Tree" um, ein mächtiger 2000 Jahre alter Sequoiabaum, in den Holzfäller in den 1870ern einen Tunnel geschlagen hatten, groß genug, dass ein Mann auf einem Pferd durchreiten konnte. Der Baum vertrocknete von innen.

Aus natur 10/2018

mehr auf natur.de ... | Ausgabe bestellen ...

  • natur 10/2018

    Der Text stammt aus der Oktober-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 10/2018 auf natur.de...

Es ist 3:50 Uhr am Morgen. Vor eineinhalb Stunden hat der penetrante iPhone-Klingelton die Baumforscher Wendy Baxter, 37, und ihren Kollegen Anthony Ambrose, 49, aus den Schlafsäcken katapultiert. Sie haben sich einen Bagel mit Frischkäse beschmiert und im Pick-up-Truck den flott gebrauten Kaffee getrunken. Es ist ein Augustmorgen, aber hier auf 2000 Metern Höhe ist es kalt. Unter den Fleecejacken tragen die beiden nur T-Shirts. Sie frösteln, als sie aus dem Truck steigen, aber nach einer halben Stunde Fußmarsch sind sie aufgewärmt. Baum 233 ist 72 Meter hoch, Durchmesser knapp fünf Meter, "ein kräftiger Bursche", meint Ambrose. Vergangene Woche haben sie Dutzende Bäume ausgewählt, mit Armbrüsten Nylonschnüre über abstehende Äste geschossen, dann schwerere Schnüre hochgezogen, schließlich ihre Kletterseile in Position gebracht. Nun ist 233 an der Reihe.

Eine Reise durch den deutschen Sommer

Jahrhundertsommer oder doch nur Durchschnitt? Unsere Datenauswertung zeigt, wie eigenartig der Sommer 2018 tatsächlich war. mehr ...

Die beiden Waldökologen der Universität von Kalifornien in Berkeley untersuchen die Gesundheit der Riesenmammutbäume. Um herauszufinden, wie die Giganten mit den sich wandelnden Lebensbedingungen zurechtkommen, sammeln sie Proben. "Da müssen wir hoch", sagt Baxter und starrt in die Dunkelheit nach oben. Das Schwarz des Himmels wird sich bald in ein tiefes Blau verwandeln. "Wir brauchen kleine Zweige von der Krone des Baumes", erklärt sie, "idealerweise eine Probe vor der Morgendämmerung, wenn die Bäume am entspanntesten sind, und eine in der Mittagshitze, wenn sie am meisten unter Stress stehen." Sie hakt ein paar Seilklemmen ein und beginnt sich fast wie eine Raupe nach oben zu ziehen. Nach ein paar Minuten ist der helle Schein ihrer Kopflampe im Astwerk des Kolosses verschwunden.

Erst mit Hundert im Jugendalter

Riesenmammutbäume spielen eine entscheidende Rolle im Wasserkreislauf des Nationalparks. Ihre Stämme sind wie riesige Strohhalme, die bis zu drei Tonnen Wasser am Tag aus dem Boden saugen, mehr als alle anderen Bäume. Die Feuchtigkeit geben sie über ihre Schuppenblätter an die Luft ab. Dieser Vorgang erzeugt Unterdruck in den Wasseradern des Baums. Je trockener die Atmosphäre ist und je weniger Grundwasser zur Verfügung steht, desto stärker wird die Spannung. Unter Extrembedingungen kann der Wasserfluss wie ein Gummiband abreißen. Dann bilden sich Gasblasen, die die Kapillaren im Stamm verstopfen. Passiert das häufiger, verliert der Baum seine Blätter und stirbt. Die Blätter des Baums steuern den Gasaustausch durch winzige Poren. Sie nehmen Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf und setzen Sauerstoff und Wasserdampf frei. Leidet ein Baum zu sehr unter Trockenheit, schließt er seine Poren. Dadurch stoppt der Wasserverlust, aber es hindert den Baum auch, Kohlendioxid aufzunehmen. Mammutbäume zehren dann von ihren riesigen Kohlenstoffspeichern. Doch wenn die Poren zu lange verschlossen bleiben, verhungern die Pflanzen.

Eineinhalb Stunden später. Erschöpft ist Baxter wieder am Boden angelangt. Sie nimmt ihren lila Helm ab, das Haar klebt verschwitzt am Kopf. Die Forscherin hat Plastikbeutel mit kleinen Zweigen des Baumes mitgebracht - und eine großflächige Schürfwunde am Oberarm. Fünf Besteigungen liegen noch vor ihr, die Bäume 231 und 272 und nochmal Baum 233 in der Nachmittagshitze. "Ich mache das hier seit vier Jahren", sagt sie und ihre dunklen Augen blitzen, "aber es ist jedes Mal eine irre Erfahrung hochzuklettern. Ich fühle mich wie eine Ameise, wenn ich oben auf der Krone sitze. Man kann Mammutbäume nicht verstehen, wenn man ihnen nicht aufs Dach gestiegen ist." Eigentlich wollte Baxter Ärztin werden, dann sattelte sie um auf Ökologie. "Im Grunde bin ich jetzt auch eine Art Doktor", sie grinst, "nur ist es bei den Bäumen ein wenig mühsamer zur Diagnose zu kommen als bei Menschen."