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Psychologie:Warum Rüpel so oft durchkommen

Kaffeebecher

In einem Experiment warfen Schauspielerinnen leere Kaffeebecher auf den Boden - nur selten regte sich jemand darüber auf.

(Foto: dpa)

Wer achtlos seinen Müll auf den Boden wirft, hat kaum Ärger von Passanten zu befürchten. Warum schreiten wir bei Rüpeleien so selten ein? Eine Studie bringt Klarheit.

Von Sebastian Herrmann

Zu den Rätseln des Alltags zählt die Frage, warum Raucher mit größter Selbstverständlichkeit ihre Kippen auf Bürgersteig oder Straße schnippen. Da trennen sie alle ihren Müll, rennen zum Wertstoffhof, kaufen im Biomarkt ein, sorgen sich sonst wie um die Umwelt und lassen dann ihre Zigarettenstummel einfach dort zu Boden fallen, wo sie eben den letzten Zug genommen haben. Macht ja nichts, irgendjemand wird das schon wegräumen! Nun, die Kippen landen auf dem Boden, weil sich niemand beschwert. Es gilt eben als normal, da mault kaum jemand einen Raucher an, wenn er seine Stummel vor einem Restaurant auf den Boden wirft.

Aber es kommt noch besser: Es würden sich genauso wenige Menschen beschweren, wenn besagter Raucher den Inhalt eines ganzen Aschenbechers auf den Gehsteig leeren würde. Das legt das Ergebnis einer Studie nahe, die Psychologen um Bettina Rockenbach von der Universität Köln in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht haben. Die Experimente nämlich zeigen: Wenn Passanten Fehlverhalten anderer beobachten, tadeln sie - wenn überhaupt - dann eher milde Vergehen. Bei schwereren Normverstößen halten sie hingegen erst recht den Mund. Auf das Beispiel vom Kippenschnipper angewandt bedeutet dies, dass ein einzelner Stummel sogar mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit Kritik provozieren könnte, als wenn der ganze Aschenbecher ausgeschüttet wird. So oder so, meistens wird gar kein Tadel geäußert.

"Angst vor einer Gegenreaktion"

Die Experimente der Psychologen fanden an Kölner Bahnhöfen statt. Schauspielerinnen im Dienste der Forschung warfen dort vor den Augen wartender Pendler leere Coffee-to-Go-Becher zu Boden. Manche ließen zusätzlich eine Papiertüte voll Müll fallen. Fast 800 Mal wiederholten die Forscher diese Szenen und nur in etwa 15 Prozent der Fälle wurde eine der Schauspielerinnen gerügt, egal wie viel sie auf den Boden schmissen.

Dabei empfanden die Wartenden es sehr wohl als schlimmer, wenn mehr Müll auf dem Bahnsteig landete. "Aber die Angst vor einer Gegenreaktion lässt die Leute schweigen", sagt Rockenbach. Diese Furcht sei umso stärker, je gravierender der Normverstoß ist. Der Gedanke dahinter lautet wohl: Wer weiß, wozu jemand fähig ist, wenn ihm Anstandsregeln und das Urteil anderer offensichtlich dermaßen egal sind? Nun erwartet wohl niemand Prügel, wenn eine Frau einen Kaffeebecher fallen lässt und sie deshalb kritisiert wird. Doch schon eine Szene in der Öffentlichkeit schreckt ab. Bloß nicht auffallen, lieber nur streng schauen und nicht zu deutlich den Kopf schütteln.

Die Studie behandelt nicht nur Pappbecher, sondern Grundfragen des Zusammenlebens. "Es geht um Kooperation und darum, wie diese im Alltag aufrechterhalten werden kann", sagt Rockenbach, "um die Frage, wie Menschen Normverstöße im Miteinander ahnden." Bisher galt der Merksatz, dass mit der Schwere des Vergehens die Schwere der Bestrafung steige, so wie es auch im Strafrecht vorgesehen ist. Diesen Zusammenhang hatten jedoch nur Laborstudien gezeigt. In deren klar definierten, anonymen Situationen fällt Tadel leicht. Einen Kippenschnipper anzumaulen, kostet hingegen Überwindung - und man fühlt sich sofort wie ein Superspießer.

© SZ vom 03.11.2016

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