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Psychologie:Wieso selbst billige Propaganda wirkt

Propaganda-Poster in Shanghai.

(Foto: Johannes Eisele/AFP)

Manipulierende Aussagen verfangen offenbar, weil Menschen oft überzeugt sind, dass alle anderen daran glauben.

Von Sebastian Herrmann

Achtung, Achtung, es ergehen die folgenden Mitteilungen! Die Volksrepublik China ist die größte Demokratie der Welt, in keinem anderen Land der Erde leben so viele Menschen in Freiheit, Selbstbestimmung und Glückseligkeit. Großzügigkeit, Menschlichkeit und Fortschritt offenbaren sich auch in den herausragenden Erfolgen des chinesischen Raumfahrtprogramms. In unendlicher Güte sind andere Nationen eingeladen, eines Tages die geplante chinesische Raumstation mit zu nutzen. Ein Angebot, das in Kontrast zur Niedertracht fremder Länder steht, die China die Partizipation an der Internationalen Raumstation ISS verwehrten. Ende der Durchsage.

Wie (hoffentlich) unschwer zu erkennen ist, handelt es sich um Mitteilungen, die mit dem Begriff "Propaganda" beschrieben werden dürfen. Die Beispiele stammen aus einer aktuellen Studie der Politikwissenschaftler Haifeng Huang und Nicholas Cruz, die im Fachjournal Political Behaviour erschienen ist. Die beiden Wissenschaftler der University of California in Merced haben Beispiele wie diese knapp 900 Probanden aus China vorgelegt, um Antworten auf eine große Frage zu erhalten: Auf welchem Weg beeinflusst Propaganda? Dabei beobachteten sie eine Art Bandeneffekt: Die Teilnehmer der Studie glaubten vor allem, dass ihre Mitmenschen solchen Meldungen vertrauten. Und, vereinfacht gesagt, wenn alle anderen selbst den wildesten Behauptungen des Regimes Glauben schenken, dann hält man selbst lieber den Mund, um nicht in die Schusslinie zu geraten.

Offensichtlichen Unfug zu verbreiten, kann ein Signal der Macht sein

"Bisher hat Forschung vor allem danach gefragt, wie Propaganda direkt auf die politischen Präferenzen und Meinungen eines Individuums wirkt", sagen Huang und Cruz. Die Forschungsliteratur fokussiert sich dabei auf zwei Hauptstränge: Propaganda wird als Versuch unmittelbarer Beeinflussung der Meinungen der Untertanen eines Regimes analysiert. Ein zweiter Strang betrachtet solche Art der Agitation eher als Signal der Stärke, das indirekt wirkt. Wenn ein Regime ungerührt den offensichtlichsten Unfug behaupten kann, verfügt es auch über die Macht, Leben und Erleben der Menschen zu reglementieren - da muckt man lieber nicht auf.

In der aktuellen Studie analysierten die Politikwissenschaftler Propaganda nun durch eine weitere Linse. Dabei griffen sie auf einen theoretischen Rahmen zurück, der als "Third Person Effect" bezeichnet wird, und der unter anderem in der Medienwirkungsforschung etabliert ist. So zeigen sich viele Menschen überzeugt, dass sie selbst zwar vor negativen Effekten zum Beispiel durch Fake News, Gewaltcomputerspiele, Pornografie oder Social Media gefeit, andere Menschen dadurch hingegen verwundbar seien.

Ein ähnliches Muster offenbarte sich nun in der Studie von Huang und Cruz: Die Probanden glaubten, dass die anderen Teilnehmer den vorgelegten Aussagen eher glauben würden, als sie selbst das taten. Ein totalitäres Regime erreicht auf diese Weise die vermutlich gewünschte Wirkung: Es kreiert Unsicherheit über die Haltung der Mehrheit und verhindert so die Entstehung von Protestbewegungen. Denn wenn ein Regimegegner der Überzeugung ist, mit seiner Haltung isoliert zu sein, erstickt das jeden Protest im Keim.

Ähnliche Ergebnisse existieren aus der Forschung zu Konformität und Polarisierung in Gruppen: Es kommt häufig vor, dass in Teams ein falscher Konsens über die geteilte Meinung herrscht, der von wenigen lauten Stimmen dominiert wird. Gerne ist das der Fall, wenn es sich um moralisch aufgeladene Themen handelt. Ein aktuelles Beispiel aus der Arbeitswelt wäre etwa das Gendern von Sprache: In Gruppendiskussionen herrscht dann etwa der Eindruck vor, alle seien dafür. Spricht sich dann einer öffentlich dagegen aus, kann er sich sicher sein, anschließend im Privaten Zustimmung von den vielen Stummen zu bekommen: "Gut, dass du es gesagt hast, ich habe mich das nicht getraut." Oft haben wir ein falsches Bild davon, was in den Köpfen der anderen vorgeht - und das kann Folgen haben.

© SZ
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