Physik:Physiker Steven Weinberg gestorben

Physik: Steven Weinberg im Jahr 1979.

Steven Weinberg im Jahr 1979.

(Foto: AP)

Der Wissenschaftler war einer der Entdecker des modernen Standardmodells der Teilchenphysik und ein leidenschaftlicher Kämpfer für das wissenschaftliche Weltbild.

Von Marlene Weiß

In den allermeisten Fällen gilt ein Nobelpreis als die absolute Krönung eines wissenschaftlichen Lebens. Betrachtet man jedoch die Leistungen des Physikers Steven Weinberg, wird die Auszeichnung geradezu zur Nebensache, kaum mehr als ein Verwaltungsakt. Es dürfte kaum einen anderen Physiker geben, der die Entwicklung der modernen Teilchenphysik von den Sechzigern bis in die Achtzigerjahre hinein so geprägt hat wie Steven Weinberg.

Weinberg, geboren am 3. Mai 1933 in New York, war das einzige Kind des jüdischen Ehepaars Frederick und Eva Weinberg. Sein Vater war Gerichtsstenograph, seine Mutter Hausfrau. Sein Interesse für Naturwissenschaften, so erzählte er einmal, erwachte mit einem Chemiebaukasten, den ihm ein Cousin weiterreichte, der lieber Boxen ging - ein folgenreiches Geschenk. Es folgte eine steile Physikerkarriere, Weinberg arbeitete an der University of California in Berkeley, am MIT und war lange Professor in Harvard, bevor er 1982 an die University of Texas in Austin wechselte, wo seine Frau Louise - die beiden waren seit 1954 verheiratet - Juraprofessorin war.

Seine wichtigste Entdeckung machte Weinberg in den Sechzigerjahren: Damals entwickelte er eine Theorie, die den Elektromagnetismus mit der sogenannten Schwachen Kernkraft vereinte, so ähnlich, wie es James Clerk Maxwell im 19. Jahrhundert mit Elektrizität und Magnetismus getan hatte. Steven Weinberg war auch der Erste, der erkannte, dass der damals eben erst von Peter Higgs und anderen entwickelte Higgs-Mechanismus in dem Modell verwendet werden kann, um Teilchen mathematisch konsistent eine Masse zu verleihen. Das dazu nötige Higgs-Boson wurde 2012 am Cern entdeckt.

Damit war die Grundlage des bis heute akzeptierten Standardmodells der Teilchenphysik geschaffen; dafür bekam Steven Weinberg 1979 zusammen mit Sheldon Glashow und Abdus Salam den Nobelpreis für Physik. Eigentlich sei diese Arbeit untypisch für ihn, sagte Weinberg später. Spezifische Modelle mit konkreten Vorhersagen seien gar nicht sein Stil.

Aber auch in der Kosmologie hat Weinberg wichtige Beiträge geleistet und mehrere Lehrbücher geschrieben, die bis heute Referenzwerke sind. Zudem machte er sich einen Namen als Wissenschaftsautor. Sein populärwissenschaftliches Buch "Die ersten drei Minuten" über die Anfänge des Universums von 1977 wurde ein moderner Klassiker. Darin findet sich auch eines der bekanntesten Zitate des Autors: "Je verständlicher das Universum erscheint, umso sinnloser wirkt es."

Zeit seines Lebens war Steven Weinberg überzeugter Atheist und Vorkämpfer für eine wissenschaftliche Sicht der Welt, womit er sich nicht immer nur Freunde machte. 2015 erschien sein Buch "To Explain the World" über die Entstehung nicht nur der modernen Physik, sondern auch von dem, was heute als "wissenschaftliches Arbeiten" gilt. Weinberg scheut darin nicht vor Frechheiten zurück: Platon nennt er "albern", Aristoteles "ermüdend", Francis Bacon "überbewertet", was ihm ein paar bitterböse Kritiken von Wissenschaftshistorikern einbrachte. Und doch ist das Buch auch voller Respekt für Forscher vergangener Zeiten. Indem er diese an modernen Standards misst, zeigt er nur, wie unglaublich weit der Weg ist, den die Naturwissenschaften bis heute zurückgelegt haben. Es ist eine Reise, an der Weinberg bis zuletzt mit großer Leidenschaft teilgenommen hat, noch in diesem Frühjahr hat er unterrichtet.

Am Freitag ist Steven Weinberg in einem Krankenhaus in Austin, Texas, im Alter von 88 Jahren gestorben.

© SZ
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