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Phantastische Wesen:Begleiter im Geiste

Es mag zwar mitunter vorkommen, dass fiktive Kameraden bei Kindern ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit andeuten, doch sind solche Fälle offenbar selten. Auch sollte das Phänomen nicht als Signal für Missbrauch oder Vernachlässigung verstanden werden, denn gepeinigte Kinder spielen weniger und entwickeln daher meist keine so bewegte Phantasie. "Eltern sollten sich wegen imaginärer Gefährten ihrer Sprösslinge generell keine Sorgen machen", sagt Inge Seiffge-Krenke.

Normalerweise sind die Begleiter reine Phantasiegebilde. Aber es gibt auch Charaktere aus der Medienwelt, die Kinder zu Bezugspersonen erheben - das kann Pippi Langstrumpf sein, der Kobold Pumuckl oder einer der modernen Kämpferfiguren.

Manchmal werden auch Kuscheltiere und Puppen zum Leben erweckt. Ein bekannte Illustration dieses Phänomens ist die in den USA populäre Comic-Serie "Calvin und Hobbes", in der der sechsjährige Calvin mit seinem für ihn höchst lebendigen Stofftiger Hobbes Abenteuer besteht. Ist ein Erwachsener zugegen, verwandelt sich Hobbes blitzartig in ein lebloses Kuscheltier zurück.

Eine Kopie wird nicht akzeptiert

Solchermaßen "personifizierte Objekte" kommen nicht von ungefähr. Sie verdanken sich nicht zuletzt der menschlichen Neigung, Dingen eine Essenz oder Seele zuzuschreiben. So haben die Psychologen Bruce Hood von der britischen University of Bristol und Paul Bloom von der Yale University dokumentiert, dass Kinder in Objekten oft eine über die rein physischen Qualitäten hinausgehende Eigenschaft wahrnehmen.

In einem 2007 veröffentlichten Experiment lehnten es fast alle Kinder ab, als Ersatz für einen geliebten Gegenstand - ein Stofftier oder anderes Spielzeug - eine "Kopie" zu akzeptieren. In Wirklichkeit bot man den Kindern den ursprünglichen Gegenstand an - vollkommener konnte die Kopie also gar nicht sein -, aber die Kinder lehnten den Tausch dennoch ab.

Hood erkennt in diesem Verhalten einen Hang zum magischen Denken: "Auch Erwachsene sind nicht ganz frei davon. Einen Füller von Einstein behandeln wir mit größerer Ehrfurcht als einen äußerlich identischen, der keiner Berühmtheit gehörte. Und die Mehrheit würde es ablehnen, den gereinigten Pullover eines Serienmörders anzuziehen."

Auch bei Jugendlichen kommen imaginäre Charaktere vor. Diese spielen aber eine andere Rolle als bei Kindern. Während die Kleinen vor allem Spielkameraden für gemeinsame Aktivitäten suchen, ist es für Jugendliche wichtig, einen Ansprechpartner zu haben, dem sie sich anvertrauen können - ein zentrales Merkmal von Freundschaften während der Adoleszenz. Der imaginäre Gefährte hilft ihnen, das sich entwickelnde Verhältnis von Selbst, Welt und sozialem Umfeld auszubalancieren.

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