Ägyptologie:Die Leiden der heiligen Affen

Ägyptologie: Ein Anubispavian, hier in Kenia, genießt die Abendsonne.

Ein Anubispavian, hier in Kenia, genießt die Abendsonne.

(Foto: Jürgen Feuerer/imago images)

Die Ägypter verehrten Paviane als heilige Tiere. Doch deformierte Knochen zeigen: Sie hielten die Primaten offenbar alles andere als artgerecht. Sahen die Tiere kaum die Sonne?

Von Jakob Wetzel

Unter den vielen Tieren, die im alten Ägypten vergöttert wurden, geben die Paviane wohl die größten Rätsel auf. Die Primaten waren in Ägypten gar nicht heimisch, dennoch galten sie ebenso wie Ibisse als Erscheinungsformen des Weisheitsgottes Thot. Um sie an ihren Tempeln halten zu können, mussten die Ägypter die Tiere von weit her importieren; zusätzlich versuchten sie die Affen vor Ort zu züchten. Der Überlieferung zufolge gab es mindestens ein Dutzend Orte in Ägypten, an denen Paviane gehalten und verehrt wurden. Doch obwohl die Affen heilige Tiere waren, hatten sie, wie Forscher nun zeigen, kein leichtes Leben. Im Gegenteil: Den Pavianen wurde übel mitgespielt.

Wissenschaftler um Wim van Neer vom Königlich-Belgischen Institut für Naturwissenschaften haben Pavian-Mumien neu untersucht, die bereits vor etwas mehr als einem Jahrhundert in Gabbanat el-Qurud, im sogenannten Tal der Affen in der Nähe von Luxor, gefunden wurden. Heute werden die Überreste der Tiere im Musée des Confluences in Lyon aufbewahrt. Wie die Forscher in der Zeitschrift Plos One berichten, litten diese Primaten in ägyptischer Gefangenschaft offenbar unter chronischer Mangelernährung und sahen zeitlebens kaum die Sonne. Dabei sonnen sich Paviane eigentlich leidenschaftlich gerne. Das Geschrei der Tiere am Morgen und am Abend interpretierten die Ägypter gar als Anrufung der Sonne. Dieses Verhalten könnte mit ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass den Tieren eine religiöse Bedeutung zugeschrieben wurde.

Um die mumifizierten Paviane untersuchen zu können, mussten die Forscher zunächst die Einzelteile sortieren. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Wissenschaftler acht Pavian-Skelette zusammengebastelt und dabei teils Knochen mehrerer Tiere kombiniert. Zusätzlich zu diesen Skeletten gab es 23 Schädel, 24 Unterkiefer und mehr als 200 Wirbel und Knochen von Pavianen aus Gabbanat el-Qurud. Den Forschern um van Neer zufolge stammten die Knochen von mindestens 36 unterschiedlichen Anubis- und Mantelpavianen, die zwischen 794 und 520 vor Christus gestorben sind. Sie hatten demnach zu Beginn der sogenannten Spätzeit Ägyptens gelebt, in der Tierkulte zum Massenphänomen wurden.

Es gibt Hinweise auf Rachitis, Knochenerweichung, Osteoporose sowie fibröse Osteodystrophie

Von diesen 36 Pavianen gab es jedoch lediglich vier, an deren Knochen sich keine Spuren einer Erkrankung fanden. Die Überreste der übrigen Tiere waren verformt oder anderweitig geschädigt; die Forscher identifizierten Hinweise auf Rachitis, Knochenerweichung, Osteoporose sowie fibröse Osteodystrophie, bei welcher der Körper Knochengewebe abbaut, um Kalzium zu gewinnen. Die Ursachen dafür könnten vielfältig sein, schreiben die Wissenschaftler. Naheliegend sei aber ein Mangel an Vitamin D und Kalzium. Weil die Haut Vitamin D mithilfe des UV-Lichts der Sonne selbst herstellen kann, sei die Ursache vermutlich, dass die Tiere zu wenig Sonnenlicht abbekamen.

Wie die Tiere im Detail gefangen, gehalten und gefüttert wurden, ist unklar. Erst im September haben Forscher um die Konstanzer Biologin Gisela Kopp anhand von Gen-Analysen herausgefunden, dass die Ägypter Mantelpaviane wohl vom Horn von Afrika einführten. Die mumifizierten Anubispaviane wiederum stammten wohl aus dem Süden, dem Niltal im heutigen Sudan. Zu fressen erhielten die Tiere in Ägypten mutmaßlich Küchenreste. Und weil Paviane gute Kletterer sind und sich in Gefangenschaft aggressiv gebärden können - einzelnen Tieren zogen die Ägypter daher die Eckzähne - wurden sie offenbar in überdachte Zimmer gesperrt. So hielten sich die Wärter die Tiere vom Leib.

Ein solcher Raum könnte in Tuna el-Gebel zu sehen sein, von Luxor rund 300 Kilometer nilabwärts gelegen. Dort sei ein Gebäude als Tierkäfig identifiziert worden, schreibt das Team um van Neer: ein zwei mal drei Meter kleiner Raum, datiert grob auf die ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt, mit Wänden aus Kalkstein und einem kleinen verschließbaren Fenster, um die Tiere zu füttern.

In Tuna el-Gebel, das für seinen Tierfriedhof berühmt ist, haben Forscher ebenfalls mumifizierte Paviane gefunden - und zwar mehr als 240, also viel mehr als in Gabbanat el-Qurud. Diese Skelette weisen ähnliche Krankheitsbilder auf. Und sie zeigen zudem: Um die Gesundheit der Paviane war es mit der Zeit immer schlechter bestellt. Gemessen an den erhaltenen Mumien hatten zu Beginn der ägyptischen Spätzeit, also im siebten Jahrhundert vor Christus, nur 15 Prozent der Affen in Tuna el-Gebel deformierte Skelette. Im zweiten Jahrhundert vor Christus war dann bereits fast jeder zweite Pavian betroffen.

Das könnte darauf hindeuten, dass die Haltungsbedingungen der Primaten mit der Zeit immer prekärer wurden. Doch womöglich zeigt sich darin auch, dass die Ägypter versuchten, selbst Paviane zu züchten: Die Missbildungen wären dann Folgen von Inzucht.

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