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Ökologie:Eine übel riechende, schwarze, breiige Masse, die mehr teerartiges Schweröl als Sand enthält

Niemand traut sich, präventiv Millionen zur Bekämpfung einer Umweltgefahr auszugeben, die erst in Jahren oder Jahrzehnten akut werden könnte. Doch wenn Öl aus einem Wrack austritt, werden die Kosten zur Schadensbekämpfung noch viel höher: "Es gibt Beispiele, bei denen die Kosten zum Säubern der Strände zehnmal so hoch waren, wie das Abpumpen des Öls aus dem betreffenden Wrack gekostet hätte", sagt Dagmar Schmidt Etkin.

Wer für die entstehenden Kosten aufkommen muss, bleibt zudem meist unklar. Bei Privatschiffen müsste der damalige Eigner haften. Der ist aber 70 Jahre nach Kriegsende oft nicht mehr ausfindig zu machen. Bei Kriegsschiffen hingegen ist der Besitzstatus eindeutig. Die Wracks gehören immer noch dem Staat, unter dessen Flagge sie einst im Einsatz waren. Doch nach geltendem Recht können sich diese Länder auf höhere Gewalt berufen, schließlich sind ihre Schiffe im Krieg gesunken. Was moralisch fragwürdig klingt, bedeutet, dass die Staaten auf den Kosten sitzen bleiben, in denen die Wracks liegen.

Welche katastrophalen Auswirkungen austretendes Öl haben kann, zeigt ein deutsches Wrack in polnischen Gewässern. Im Hafen von Gdynia macht sich das Forschungsschiff Imor des Marineinstituts Danzig zum Auslaufen bereit. Das Ziel der Forscher um den Hydrologen Benedykt Hac liegt nur zwei Kilometer von den feinsandigen Naturbadestränden der polnischen Riviera entfernt, an denen jährlich mehr als zwei Millionen Urlauber ihre Ferien verbringen. Dort liegt das Wrack des fast 170 Meter langen deutschen Lazarettschiffs Stuttgart, das am 9. Oktober 1943 versenkt wurde. Die Position des Wracks geriet in Vergessenheit, bis 1999 Benedykt Hac bei einer Routineuntersuchung des Bodens der Danziger Bucht auf die Überreste der Stuttgart stieß.

Die Gefahr ist auf den ersten Blick nicht sichtbar. Sonaraufnahmen des Wracks zeigen nichts Auffälliges. Aber wenn Benedykt Hac eine Probe des Meeresbodens neben dem Wrack an die Oberfläche holt, verzieht die Mannschaft angewidert das Gesicht. Aus dem Greifer quillt eine übel riechende, schwarze, breiige Masse, die mehr teerartiges Schweröl als Sand enthält. Chemische Analysen ergaben stark erhöhte Werte für polyzyklische-aromatische Kohlenwasserstoffe. Teilweise werden die Grenzwerte des polnischen Umweltministeriums um das 1000-Fache überschritten.

Das Wrack des ehemaligen Lazarettschiffs "Stuttgart" liegt vor herrlichen Badestränden

Recherchen von Benedykt Hac ergaben, dass über die Jahre bis zu 1000 Tonnen Schweröl aus der Stuttgart in den Meeresgrund geflossen sein müssen. Unzählige Bodenproben hat er in den vergangenen 17 Jahren gezogen, um das Ausmaß der Verschmutzung zu dokumentieren. Eine Fläche von mehr als 50 Fußballfeldern ist betroffen. 450 000 Kubikmeter verseuchter Meeresboden müssten entsorgt werden. Kostenpunkt 20 bis 100 Millionen Euro. Doch angesichts der abwartenden Haltung der polnischen Behörden glaubt Benedykt Hac nicht daran, dass bald etwas unternommen wird: "Denen bin ich ein Dorn im Auge. Ich sage ihnen: 'Da und da ist es verschmutzt.' Und die sagen: 'Ach, da ist nichts! Nur du weißt davon. Das sieht doch keiner. Lass es einfach liegen!'"

Nur ein Land auf der Welt will nicht warten, bis etwas passiert - Norwegen. Im Zweiten Weltkrieg war das Land mit seiner Küstenlinie von mehr als 20 000 Kilometern umkämpfter strategischer Brückenkopf. Mehr als 900 Schiffe sanken dort zwischen 1939 und 1945. Davon hat die norwegische Küstenbehörde Kystverket 29 als "extrem gefährlich" für die Umwelt eingestuft.

Bereits 1994 wurde im Oslofjord das Öl aus dem deutschen Schweren Kreuzer Blücher abgepumpt. Schon nach dessen Versenkung im April 1940 traten immer wieder Öllachen über der Unglücksstelle auf. Anwohner berichteten regelmäßig von bestialischem Schiffsdieselgeruch. Um einer drohenden Katastrophe vorzubeugen, wurden mehr als 1000 Tonnen Treibstoff aus dem Wrack geborgen. Der Startschuss für ein ambitioniertes und weit mehr als 100 Millionen Euro teures Bergungsprogramm. Seitdem sind sieben weitere Wracks präventiv ausgepumpt worden. Denn die Zeit drängt, wie Hans Petter Mortensholm von Kystverket mit sorgenvoller Miene betont: "In zehn oder 20 Jahren könnte es unmöglich sein, noch Operationen dieser Art an den Wracks durchzuführen!" Noch sind die Stahlwände der meisten Wracks stabil genug, um Zugänge zu den Öltanks zu fräsen und Ventile für ein kontrolliertes Abpumpen zu installieren. In naher Zukunft würden die Wracks bei solchen Manövern aufgrund der Korrosion auseinanderbrechen und das Öl unkontrolliert an die See abgeben.

Alle Küstenländer der Welt stecken mitten in diesem Wettlauf gegen die Zeit. Die Tür schließt sich langsam, aktiv das Problem der rostenden, alten Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg anzugehen. Noch hat es jeder Staat selbst in der Hand, wie er auf das drängende Problem reagiert. Aussitzen und abwartender Fatalismus wären die schlechtesten aller Handlungsoptionen. Denn letztlich ist es keine Frage, ob diese Wracks Leck schlagen werden, sondern nur wann und wie viel Öl auslaufen wird. Es passiert bereits tagtäglich - und in Zukunft werden immer mehr Wracks "schwarze Tränen" vergießen.

Der Autor hat über das Thema den Dokumentarfilm "Vergessene Wracks - Schwarze Tränen der Meere" gedreht, der am morgigen Samstag den 1.7. um 22.00 Uhr erstmalig auf Arte und später im WDR ausgestrahlt wird.

© SZ vom 30.06.2017

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