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Neurowissenschaften:Körper gesund, Geist krank - geht das überhaupt?

Collage zu: Körper gesund, Geist krank - geht das überhaupt?

(Foto: Getty Image; Collage Jessy Asmus/SZ.de)

Was meinen Menschen, wenn sie die Worte "physiologisch" und "psychologisch" gebrauchen? Das Problem dieser Frage stellt sich in seiner ganzen Schärfe, wenn Wissenschaftler mit Phänomenen wie dem Placeboeffekt zu tun bekommen.

Wenn Alice von einem Pferd fällt, mit dem Kopf aufschlägt und einen traumatischen Hirnschaden erleidet, wird man diesen - die Blutung, Schwellung oder Verletzung - als ein organisches, physisches Hirnproblem begreifen und von einem Neurochirurgen oder Neurologen behandeln lassen. Nehmen wir an, dass Alice sich vollständig von ihrem Hirntrauma erholt, aber ein paar Monate nach ihrem Unfall eine krankhafte Angst entwickelt, die eigene Wohnung zu verlassen, so wird man ihre Agoraphobie als psychisch oder geistig bezeichnen.

Umgangssprachlich ausgedrückt ist jetzt ihr Geist erkrankt, und wenn sie Hilfe sucht, wird es ein Psychologe oder Psychiater sein, der diese bietet. Beide, der Unfall und die Phobie, betreffen Alices Gehirn. Eine im Krankenhaus vorgenommene Computertomografie (CT) des Gehirns hat die Hirnverletzung nach Alices Sturz deutlich gezeigt.

In den Neurowissenschaften gibt es keinen Konsens über die Beziehung zwischen Gehirn und Geist

Eine Gehirn-CT anlässlich ihrer Phobie würde keine Beschädigung des Organs nachweisen, möglicherweise aber eine Aktivierung der Amygdala, eines Gehirnareals, das mit Angst in Verbindung gebracht wird. Ehrlich gesagt, weiß niemand so genau, was in den Gehirnen von Phobikern vor sich geht. Dennoch ergibt sich die dringende Frage: Was meinen wir, wenn wir die Worte "physiologisch" und "psychologisch" gebrauchen?

In den Neurowissenschaften gibt es keinen Konsens über die Beziehung zwischen Gehirn und Geist. Die Debatten darüber, ob Gehirn und Geist identisch sind oder irgendwie verschieden, ob sich das menschliche "Bewusstsein" auf seine neuronalen Koordinaten reduzieren lässt oder nicht, ob die subjektive Erfahrung des Bewegens, Fühlens, Empfindens oder Denkens vollkommen mit den objektiven Begriffen von Hirnregionen, synaptischen Verbindungen und neurochemischen Botenstoffen beschrieben werden kann, beruhen auf dem uralten Körper-Geist-Problem, das die westliche Philosophie jahrhundertelang umgetrieben hat.

Die Meinungen dazu teilen sich in verschiedene Lager, so auch im 17. Jahrhundert, als der Streit um die Frage einen Höhepunkt erreichte. In den Neurowissenschaften spielt René Descartes, derjenige, der den Dualismus vertrat - wir bestünden aus zwei Arten von Substanzen, einem materiellen, maschinenähnlichen Körper und einem immateriellen, denkenden Geist -, oft die Rolle des "schlechten" Philosophen, im Gegensatz zu Thomas Hobbes, der überzeugt war, wir Menschen seien ganz und gar materielle Wesen, und es könne kein Denken ohne einen Körper geben. In diesem Punkt folge ich eher Hobbes als Descartes, was aber nicht bedeutet, dass Hobbes die Frage der Beziehung zwischen den Gedanken einer Person und ihrem Gehirn gelöst hätte.