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Sprache bei Tieren:Servus, Nacktmull

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Nacktmulle sehen schlecht, dafür unterhalten sie sich umso lieber.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

Schon bei der Begrüßung erkennen die Nager am Dialekt, wer zur eigenen Kolonie gehört. Wer anders fiept, wird angegriffen.

Von Tina Baier

Wer mit anderen zusammenlebt, muss sich irgendwie verständigen, damit kein Chaos ausbricht. Das gilt nicht nur für menschliche Gesellschaften, sondern auch für Tiere: Nacktmulle zum Beispiel, die in Kolonien mit bis zu 300 Tieren zusammenleben. Im Nacktmull-Staat, der von einer Königin angeführt wird, die als einzige Nachwuchs bekommen darf, herrscht strenge Arbeitsteilung. Jedes Tier weiß genau, was es zu tun hat. Babys beaufsichtigen etwa, Gänge graben oder aufpassen, dass keine Schlangen in den Bau eindringen.

Wie schaffen es die kleinen, fast blinden Nager, eine derart komplexe Gesellschaftsstruktur aufrechtzuerhalten? Eine wichtige Rolle dabei könnte eine Art Sprache spielen, vermuten Wissenschaftler um Alison Barker vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin. Ihre gerade in der Fachzeitschrift Science erschienene Studie zeigt, dass Nacktmulle verschiedene Dialekte sprechen. Jede Kolonie habe ihren eigenen Dialekt, an dem die Tiere erkennen, wer zur eigenen Kolonie gehört und wer nicht, schreiben die Autoren. Fremde Tiere, die einen anderen Dialekt sprechen, werden sofort angegriffen und getötet.

Die Königin bestimmt, in welchem Dialekt gezirpt wird

Schon länger ist bekannt, dass Nacktmulle mindestens 17 verschiedene Laute von sich geben, die vermutlich alle unterschiedliche Bedeutungen haben. Am häufigsten ist ein Begrüßungsruf, den die Tiere von sich geben, wenn sie einander begegnen.

Für ihre Studie nahmen die Forscher 36 190 dieser Begrüßungsrufe von 166 Nacktmullen aus sieben verschiedenen Laborkolonien in Berlin und im südafrikanischen Pretoria auf. Die Analyse der Laute mithilfe eines speziell dafür entwickelten Computerprogramms ergab, dass jedes Tier eine eigene Stimme und jede Kolonie ihren eigenen, charakteristischen Dialekt hat.

Welcher Dialekt in einer Nacktmull-Kolonie gesprochen wird, bestimmt offenbar die Königin. Sie gibt ständig Laute von sich, wahrscheinlich, um ihre Anwesenheit und Dominanz zu signalisieren. Die Wissenschaftler nutzten die Gelegenheit, den Einfluss der Königin zu untersuchen, als in einer der untersuchten Kolonien zweimal kurz hintereinander die Matriarchin starb. Beide Male herrschte zunächst eine Art babylonisches Sprachengewirr im Nacktmull-Staat. Erst nachdem sich eine neue Königin durchgesetzt hatte, etablierte sich wieder ein koloniespezifischer Dialekt, der sich von dem vorhergehenden aber unterschied.

Kleine Nacktmulle lernen den spezifischen Dialekt ihrer Kolonie wahrscheinlich, indem sie den erwachsenen Tieren zuhören und ihre Laute nachahmen. Das lässt unter anderem ein Experiment vermuten, bei dem die Wissenschaftler zwei Nacktmull-Zwillinge, deren Mutter gestorben war, aus ihrer ursprünglichen Kolonie entfernten und in jeweils eine andere setzten. Innerhalb weniger Monate hatten beide den Dialekt ihrer neuen Kolonie gelernt. Allerdings nicht ganz akzentfrei, was nach Ansicht der Wissenschaftler daran liegen könnte, dass sie zu Beginn ihres Lebens zunächst angefangen hatten, einen anderen Dialekt zu lernen.

Anders als bei den meisten anderen Säugetieren sind die Lautäußerungen von Nacktmullen also nicht genetisch festgelegt, sondern hoch variabel. Diese Erkenntnis stützt die Theorie, wonach es einen Zusammenhang zwischen einem Leben in einer komplexen Gemeinschaft und der Entstehung einer ausgeklügelten Sprache gibt. Das gilt nicht nur für Nacktmulle, sondern wäre auch eine Erklärung für die Entstehung der komplexen Sprache des Menschen.

© SZ/weis
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