Müll-Kreislauf Das Recycling verschleiert ein tieferes Problem

Fakt ist also: Derzeit wird deutlich mehr Abfall verbrannt, als die Statistik auf den ersten Blick nahelegt. Es ist unklar, ob sich daran mit dem geplanten Verpackungsgesetz etwas ändert, das nur noch vom Bundesrat gebilligt werden muss. Es legt beispielsweise fest, dass die Recycling-Quote für Kunststoffverpackungen von heute 36 Prozent bis 2022 auf 63 Prozent steigen muss. Bei Verbundverpackungen, Glas, Papier und Blech will die große Koalition sogar eine Quote von 90 Prozent erreichen. Allerdings verschleiern die Zahlen ein tieferliegendes Problem: Die Müllmenge selbst wächst in Deutschland immer weiter. Nur Dänen und Schweizer produzieren im europäischen Vergleich pro Kopf mehr Müll. Die Niederlande oder Großbritannien konnten die Müllmenge pro Kopf seit 2004 sogar merklich reduzieren, in Deutschland fällt dagegen heute mehr Verpackungsmüll an, jährlich 220 Kilogramm pro Kopf.

"Das Verpackungsgesetz stützt sich nur aufs Recycling", sagt Philipp Sommer, Spezialist für Kreislaufwirtschaft der Deutschen Umwelthilfe. "Dabei ist das eigentliche Problem der irre Ressourcenverbrauch."

Laut der sogenannten Abfall-Hierarchie hat die Vermeidung von Müll oberste Priorität. Es folgt die Wiederverwendung von Stoffen, zum Beispiel, wenn eine Glasflasche gereinigt und neu befüllt wird, statt sie einzuschmelzen. Erst an dritter Position steht das Recycling. Dazu zählt etwa das Pressen von Plastikmüll zu Ballen, die der Industrie erneut als Ressource dienen. An vierter Stelle liegt schließlich das Verbrennen von Müll, am wenigsten erwünscht ist die Deponierung. "Bei der Vermeidung und der Wiederverwendung passiert momentan gar nichts, da müssten wir aber aus ökologischer Sicht hin", sagt Sommer. Die Sorge der Umweltschützer ist, dass die Bürger einfach unbeschwert alles wegwerfen, weil ihnen ständig suggeriert wird, dass der Müll wiederverwendet werde.

Bundesländer kritisieren das geplante Gesetz scharf

Auch der Bundesrat, der am 12. Mai zum geplanten Verpackungsgesetz berät, sieht dieses kritisch. Es wäre sogar möglich, dass der Bundesrat das Gesetz ganz blockiert und zunächst an den Vermittlungsausschuss verweist. So zumindest verlangt es der Umweltausschuss der Länderkammer. Die Bundesländer fordern etwa eine deutlichere Kennzeichnung von Einweg- und Mehrwegverpackungen, an der sich Verbraucher orientieren können. Mehrweg bedeutet, dass die Flaschen tatsächlich erneut befüllt werden - und nicht erst geschreddert, wie beispielsweise PET-Einwegflaschen. Laut einer Ökobilanz des Heidelberger IFEU-Instituts sind Mehrwegflaschen durchweg umweltfreundlicher als ihr Einweg-Pendant. Laut derzeitigem Entwurf müssen Händler künftig aber nur in der Nähe ihrer Regale darauf hinweisen, wenn darin Einwegflaschen stehen. Eine verpflichtende Mehrweg-Quote fehlt im Gesetz vollständig.

Thomas Pretz, Leiter des Instituts für Aufbereitung und Recycling an der RWTH Aachen, bezweifelt allerdings, wie viel Einfluss der Gesetzgeber tatsächlich darauf hat, welche Verpackung sich durchsetzt. "Das ist politisches Wunschdenken, die Abstimmung findet beim Konsumenten statt." Bereits die erste Verpackungsverordnung vor 25 Jahren habe es sich zum Ziel gesetzt, die Müllmenge zu reduzieren - bis heute ohne Erfolg. Allerdings habe sie bestimmte Techniken überhaupt erst ermöglicht: "Die Technologie zum Kunststoffrecycling haben wir nur der Verpackungsverordnung zu verdanken", sagt Pretz.

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