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Insekten:200 Stiche pro Minute

Viele Mücken in diesem Sommer

Wenn sie nicht gerade auf der Jagd nach Blut sind, trinken Mücken Pflanzensäfte und -nektar. Blattgrün bietet zudem Schutz vor der Sonne.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

An der Oder grassiert eine veritable Mückenplage. Was sind das für Viecher, die selbst tagsüber zuschlagen?

Von Kathrin Zinkant

Normalerweise sind die Sommer im Osten Brandenburgs vor allem eines, knochentrocken. Entsprechend unbelebt wirkt die Landschaft zwischen Berlin und Polen dann im Juli und August. Der Mais vertrocknet, das Gras wird braun. Dafür sind die Abende in diesen Zeiten still und friedlich.

In diesem Jahr ist das anders. Es hat geregnet. Nie dauerhaft, aber wenn, dann richtig viel. Und an der Oder steht der Pegel hoch, weil es in Südpolen und Tschechien zuletzt in Strömen geschüttet hat. Zu den gefüllten Regentonnen und Tümpeln kommen überflutete Auenwiesen und -wälder. Wer sich jetzt Richtung Oder aufmacht, kann deshalb erleben, was oft befürchtet, aber nur selten wirklich beobachtet wird: eine Mückenplage.

Wahrnehmen kann man sie schon mit den Ohren, mancherorts schwingt die Luft vom millionenfachen Flügelschlag der kleinen Insekten. Zu Hunderten steigen sie in Gärten aus Gemüse- und Blumenbeeten auf, wenn man sich ihnen nähert. Am schlimmsten aber ist es dort, wo das Oderwasser die Auen überschwemmt hat. "Wir haben zeitweise bis zu 200 Anflüge pro Minute und Mensch gezählt", sagt Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. Die Biologin und Mückenexpertin ergänzt: "Mit Anflügen meinen wir nicht einfach eine Annäherung, sondern Blutmahlzeiten." Also: Stiche.

Bei der offenbar sehr hungrigen Mücke handelt es sich nicht um die gemeine Hausmücke, sondern um eine Spezies, die einen besonderen Lebenszyklus pflegt. Aedes vexans heißt auch Rheinschnake, kommt trotz des Namens aber nicht nur im Rheinland, sondern weltweit überall dort vor, wo Bäche, Flüsse oder Seen über die Ufer treten. Sie gehört zu den Überflutungsmücken, die anders als etwa die Hausmücke nicht in vergessenen Gießkannen oder offenen Regentonnen brüten, sondern in überschwemmten Flächen. Steht dort das Wasser, legt das Weibchen wenige Tage nach seiner Blutmahlzeit um die 100 Eier ab. Aus ihnen schlüpfen je nach Temperatur binnen ein oder zwei Wochen die Larven - es sei denn, das Wasser schwindet wieder und der Boden fällt trocken.

Mindestens drei Jahre können die Eier darauf warten, von der nächsten Überschwemmung aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt zu werden. Eine ruhige Existenz, die mit der Metamorphose der Larven zur Mücke abrupt endet. Während die geschlüpften Männchen imposante Schwärme bilden, sind die Weibchen nach der Begattung sehr rasch darauf aus, die nächste Generation auf den Weg zu bringen - und dafür das nötige Eiweiß zu zapfen. "Das sind keine zögerlichen Mücken", sagt Doreen Werner. "Die Weibchen haben ziemlichen Stress, an eine Blutmahlzeit zu kommen, weil das Wasser für die Eiablage jederzeit wieder weg sein kann."

Deshalb sticht die Überflutungsmücke nicht nur während der Dämmerung und Nacht - so, wie man es von nördlichen Hausmücken kennt. Sie sticht 24 Stunden am Tag. Und sie ist dabei sehr reisefreudig: Während andere Mückenarten sich kaum ein paar Hundert Meter von ihrer Brutstätte entfernen, legt Aedes vexans bis zu zehn Kilometer zurück, um an Blut zu kommen. Tagsüber schützt sie sich unter Blattwerk vor der Sonne. Ansonsten ist sie ziemlich robust und ausdauernd. Krankheiten überträgt sie auch, allerdings sind solche Ansteckungen bislang eher selten. Und natürlich hat die Plage auch ihr Gutes: Die Mücken bieten Futter für Vögel und Insekten.

Wie weit das Verbreitungsgebiet der Überflutungsmücken tatsächlich reicht, ist aber noch unklar. Immerhin gibt es um die 50 Stechmückenarten in Deutschland, darunter auch invasive neue Arten wie die Tigermücke oder die Asiatische Buschmücke, die Krankheiten wie das Dengue- oder West-Nil-Fieber übertragen können. In Brandenburg wurden die Neulinge bisher noch nicht gefunden. Und am Ammersee und Starnberger See in Bayern gedeiht neben Aedes vexans zurzeit vor allem Aedes sticticus - eine weitere Überflutungsmücke, wie Doreen Werner berichtet. Auch wer im brandenburgischen Oderbruch in seinem Garten Mücken entdeckt, muss es nicht mit Aedes vexans zu tun haben. Ohnehin wird die derzeitige Plage wohl nicht mehr lange halten - das Hochwasser geht bereits zurück. "In zwei, drei Wochen kann es wieder vorbei sein", sagt Werner.

Was bleibt, ist das Bedürfnis, mehr über die Verbreitung der Mücken in Deutschland zu erfahren. Seit 2012 können Bürger eingefangene Mücken an den "Mückenatlas" schicken, der von Werner geleitet wird. Eine Anleitung für die Einsendungen findet man unter mueckenatlas.com im Netz. Der Mückenatlas kann Plagen zwar nicht verhindern. Aber er kann helfen, die lästigen Viecher besser zu verstehen.

© SZ
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