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Mathematik im Tierreich:Das Gehirn benutzt eine Art Zahlenstrahl

Die gängige Erklärung ist, dass das Gehirn beim Vergleich zweier Zahlen eine Art Zahlenstrahl nutzt. Um zu entscheiden, ob 9 größer ist als 2, reicht sozusagen ein kurzer Blick. Bei 2 und 3 muss das kognitive System den Zahlenstrahl dagegen genauer inspizieren. Der Distanzeffekt gilt als Voraussetzung dafür, Zahlen überhaupt voneinander unterscheiden zu können. "Die Experimente beweisen daher, dass Bienen die Nullmenge als quantitatives Konzept erfassen", schreibt Nieder.

Damit haben die Insekten die dritte von vier Stufen erreicht, die in der Psychologie und der Neurophysiologie auf dem Weg zum Verständnis der Null definiert sind. Lebewesen auf der ersten Stufe begreifen die Null als "nichts", also zum Beispiel die Abwesenheit eines Reizes. Auf der zweiten Stufe versteht man den Unterschied von "nichts" im Gegensatz zu "etwas".

Lebewesen auf der dritten Stufe - auf der sich offenbar die Honigbienen befinden - wissen, dass es eine nach Größe geordnete Reihenfolge von Mengen gibt und dass die Nullmenge die kleinste davon ist. Auf der vierten und höchsten Stufe begreift man dann, dass die Null durch Symbole dargestellt werden kann, zum Beispiel durch die heute gebräuchliche arabische Ziffer.

Auch von Rhesusaffen, Südlichen Grünmeerkatzen und Schimpansen ist bekannt, dass sie im Verständnis der Null bis zur dritten Stufe vorgedrungen sind. Allerdings sind diese Primatenarten viel enger mit dem Menschen verwandt als die Honigbiene.

Schimpansen greifen nur an, wenn der Gegner zahlenmäßig unterlegen ist

Während sich Schimpansen und Menschen erst vor etwa sechs Millionen Jahren auseinanderentwickelt haben, lebte der letzte gemeinsame Vorfahr von Biene und Mensch nach heutigem Kenntnisstand vor mehr als 600 Millionen Jahren. Dazu kommt, dass die Gehirne von Biene und Mensch völlig unterschiedlich aufgebaut sind. Auch haben Bienen weniger als eine Million Neuronen, Menschen dagegen mehr als 86 Milliarden. Nieder ist deshalb überzeugt, dass das Zahlenverständnis von Bienen und Menschen "ein faszinierender Fall konvergenter Evolution" ist. Das heißt, es ist mehrmals unabhängig voneinander entstanden.

Ein Gespür für Mengen muss den Tieren nach Darwins Evolutionstheorie also in irgendeiner Weise einen Vorteil verschaffen. Es ist beispielsweise hilfreich, wenn es darum geht, verschiedene Futterquellen zu vergleichen und sich dann für die ertragreichste zu entscheiden.

Oder bei Konflikten: Schimpansen, aber auch Löwinnen verteidigen ihr Revier in der Regel nur gegen Feinde, die zahlenmäßig unterlegen sind. Und das Amerikanische Blässhuhn zählt immer wieder mal die Eier in seinem Gelege nach. So senkt es das Risiko, Kuckuckskinder großzuziehen.

© SZ vom 12.06.2018/hach
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