Insekten Bundesregierung will Bienen schützen

Bienen haben aufgrund ihrer Bestäubungsleistung einen volkswirtschaftlichen Nutzen in Milliarden-Höhe.

(Foto: dpa)
  • Nach langem Zögern unterstützt Deutschland einen Vorstoß der EU-Kommission, eine Gruppe gefährlicher Pflanzenschutzmittel zu verbieten. Sie tragen mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Sterben der Bienen bei.
  • Dieser Schritt reicht aus Sicht von Naturschützern und Imkern nicht zur Rettung der Insekten. Sie kämpfen weiter für einen besseren Schutz der Tiere - und gegen die Industrie.
Von Janis Beenen, Silvia Liebrich und Elisabeth Dostert

Für Jörg Lämmer ist der Tod Normalität. Allein in den letzten Monaten hat es bei dem Imker zwei von zehn Völkern erwischt. Mal findet der 45-Jährige in seinen Bienenkästen einen extrem ausgedünnten Bestand vor, weil die Tiere von ihren Flügen nicht zurückgekommen sind. Dann wieder übersäen Tausende verendete Bienen den Boden der Kästen. Lämmer, ein Mann mit kantigem Gesicht und exakt gezogenem Seitenscheitel, verzieht kaum eine Miene, wenn er über seine Verluste spricht. Einige Kollegen habe es noch schlimmer getroffen, meint der Hobbyimker, der in der Nähe von München lebt.

Es sind diese wiederkehrenden Rückschläge, die Imkern eine hohe Frustrationstoleranz abverlangen. Sie können nun auf Hilfe hoffen. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung befürwortet die Bundesregierung das europaweite Verbot einer Gruppe bienenschädlicher Pestizide. Ein wichtiger Schritt, um die Mittel von den Äckern zu verbannen. Das Verbot könnte bereits Ende April beschlossen werden.

Bislang ist das unheimliche Sterben der Bienen ein ungelöstes Problem. Und es betrifft nicht nur die Honigbienen. Wissenschaftler warnen eindringlich: Drei Viertel aller Insekten sind in den vergangenen drei Jahrzehnten in Deutschland verschwunden. Immer deutlicher zeigt sich, dass das Verschwinden der Insekten das ganze Ökosystem gefährdet. Was aber macht ihnen so zu schaffen?

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Im Verdacht stehen neben Parasiten und Krankheiten vor allem Pestizide aus der Landwirtschaft. Besonders kritisch wird die Wirkstoffgruppe der sogenannten Neonicotinoide beurteilt. Eine Art Nervengift, mit dem Schädlinge bekämpft werden. 2008 wurde der Stoff durch ein massives Bienensterben im Rheintal bekannt. Danach wurde die Erlaubnis, es einzusetzen, eingeschränkt.

Doch nun drängt die EU-Kommission auf ein Totalverbot auf Äckern. Die Bundesregierung signalisiert, dass sie dem EU-Vorschlag folgen will. Umwelt- und Agrarministerium sind sich in diesem Fall offenbar einig, anders als zuvor bei Glyphosat. "Was der Biene schadet, muss weg vom Markt", sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU), "daher werde ich dem neuen Vorschlag der EU-Kommission zustimmen." Dieser sehe vor, die Anwendung der Neonicotinoide auf Gewächshäuser zu beschränken. Die EU-Kommission hatte zuvor angekündigt, dass die Mitgliedsländer am 27. April über ein Verbot abstimmen sollen. Grundlage dafür ist eine Risikoanalyse der Aufsichtsbehörde Efsa, die Neonicotinoide für bienengefährlich hält.

Bewegung auch jenseits der Politik

Svenja Schulze (SPD), neue Bundesumweltministerin und Nachfolgerin von Barbara Hendricks, unterstützt den Vorschlag aus Brüssel ebenfalls. "Das Insektensterben und der Verlust der biologischen Vielfalt sind kein kleines Blümchenthema", erklärte sie. "Das Artensterben aufzuhalten, ist eine der zentralen politischen Aufgaben unserer Zeit." Ob die Neonicotinoide in der EU verboten werden, hängt wesentlich von der Bundesregierung ab, deren Stimme Gewicht in Brüssel hat.

Auch jenseits der Politik geraten die Dinge in Bewegung. In Berlin Mitte diskutierten am Donnerstagabend Unternehmer, Künstler, Wissenschaftler und Bienenzüchter. Es ist der Versuch, eine Lobby für die Bienenvölker zu schmieden, quer durch alle Schichten der Gesellschaft. Der Treffpunkt: ein plüschiger Salon, der an längst vergangene Zeiten erinnert, als an solchen Orten das gesellschaftliche Leben und die Gesprächskultur gepflegt wurden. Eingeladen hatte die Aurelia-Stiftung, eine Organisation, die sich dafür einsetzt, "Bienen zu schützen und respektvoll zu halten".

Einer der Hauptinitiatoren ist Thomas Radetzki. In der Imkerszene ist der Mann mit den raspelkurzen grauen Haaren fast eine Legende. "Es lohnt sich, Einfluss zu nehmen auf die deutsche Politik", sagt er. "Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Bienen." Im Publikum stößt er mit solchen Sätzen auf Zuspruch. Dass etwa Gentechnik-verunreinigter Honig in der EU gekennzeichnet werden muss, daran hat er seinen Anteil.

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Radetzki, selbst Imkermeister, setzt auf Dialog. Er macht sich für eine Landwirtschaft stark, die ohne Pestizide auskommt und wieder naturverträglicher wird. Deshalb will er den Dialog mit den Landwirten suchen. Mit Verboten von Pestiziden allein sei das Problem nicht zu lösen, meint er. Von Abenden wie diesem verspricht er sich nicht nur finanzielle Unterstützung. Er will Partner für die Sache der Bienen gewinnen, ein Netzwerk aufbauen - und natürlich öffentliche Aufmerksamkeit.

In der Agrarwirtschaft trifft der Bienen-Mann mit seinem Anliegen auf wenig Gegenliebe. Das aktuell drohende Verbot der Neonicotinoide stößt unter anderem in der Zuckerindustrie auf heftigen Widerstand. "Kommt das Verbot, ist es für viele Betriebe existenzbedrohend", sagt Fred Zeller, Geschäftsführer des Verbands Süddeutscher Zuckerrübenanbauer. Echte Alternativen zu den Mitteln gebe es kurzfristig nicht. Er plädiert für eine Ausnahme bei Zuckerrüben: "Schließlich gibt es ein spezielles Anwendungsverfahren, bei dem die Bienen nicht mit dem Pestizid in Kontakt kommen."

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Martin Häusling, Agrarexperte der Grünen im Europäischen Parlament, hält dagegen: "Erst werden Horrorszenarien an die Wand gemalt, dann zeigt sich, es geht auch so", sagt er und verweist auf das Einsatzverbot bei Raps vor ein paar Jahren, das am Ende kaum Auswirkungen gezeigt habe.

Tatsache ist aber auch, dass die Pestizidindustrie mit Millionenverlusten rechnen muss, wenn ein Verbot kommt. Die Hersteller Bayer, Syngenta und BASF haben gegen das bereits bestehende Teilverbot vor dem Europäischen Gerichtshof vor einiger Zeit geklagt, ein Urteil ist noch nicht ergangen. Dagegen steht jedoch die Wertschöpfung, die Bienen durch Bestäubung erbringen.

Zwei Milliarden Euro macht die Bestäubungsleistung der Bienen jährlich in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung allein in Deutschland aus. Ohne Bienen gäbe es viel weniger Obst, Gemüse und Feldfrüchte. Mehrere Studien bestätigen die Berechnung des Deutschen Imkerbunds. Bienen gehören damit neben Rindern und Schweinen zu den drei wichtigsten Nutztieren im Land. Weltweit lässt sich die Leistung der Bienen sogar mit etwa 200 Milliarden Euro beziffern.

Imker Jörg Lämmer findet, dass die Politik zu lange abgewartet hat. "Ich habe echt ein schlechtes Gefühl, Neonics gehören endlich verboten", sagt er. "Manchmal habe ich den Eindruck, die Industrie siegt." Dann geht er zu einem Bienenkasten und hebt den Deckel. Unter einer Folie tummeln sich viele Tiere, Lämmer ist zufrieden: "Das ist ein vitales Volk." Der Anblick sollte nicht nur Imker freuen. Wenn es nicht mehr summt, haben alle ein Problem.

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