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Geologie:Welche Strände der Klimawandel wirklich bedroht

Cookinseln

Sandstrände sind aufgrund des Klimawandels in Gefahr - wie zum Beispiel der Strand von Aitutaki.

(Foto: DB Ehlers/dpa)

Der Meeresspiegelanstieg lässt sandige Küsten erodieren. Die Hälfte aller Strände könnte verschwinden, berichteten Forscher. Doch nun widersprechen Kollegen.

Von Julian Rodemann

Auf der Nordseeinsel Sylt steigt während der Sommermonate nicht nur die Zahl der Menschen auf der Insel, weil sich Zweitwohnungen und Ferienhäuser füllen, sondern meist auch die Anzahl der Sandkörner. Allein in diesem Jahr wurden etwa zwei Millionen Kubikmeter Sand von Mai bis September auf sechs Strandabschnitte verteilt. Sturmfluten spülen im Winter alljährlich Sand ins Meer. Weil intakte Sandstrände aber wichtig für den Küstenschutz sind, wird seit den 80er-Jahren fast jedes Jahr der Sylter Sand künstlich aufgestockt.

Dass Strände Sand verlieren, liegt nicht nur an Sturmfluten; auch die langfristige Erosion kann aufgrund steigender Meeresspiegel an ihrer Substanz nagen. Der Klimawandel verstärkt beides, er bedroht Sandstrände nicht nur auf Sylt, sondern überall auf der Welt. Vor einigen Monaten kamen Wissenschaftler um Michalis Vousdoukas in einer Studie im Fachjournal Nature Climate Change zu dem Ergebnis, dass bis Ende dieses Jahrhunderts beinahe die Hälfte aller Sandstrände auf der Erde verschwunden sein könnte. Die am stärksten gefährdeten Sandstrände liegen der Studie zufolge in Mitteleuropa, im östlichen Nordamerika, in Süd- und Westasien, Nordaustralien und auf Karibikinseln. Die Forscher hatten Satellitenbilder von Küsten aus dem Zeitraum 1984 bis 2015 ausgewertet und verschiedene Szenarien über den Anstieg des Meeresspiegels bis 2100 simuliert.

Wenn die Küste nicht zugebaut ist, können Strände landeinwärts wandern

Die Studie erregte einige Aufmerksamkeit; zum ersten Mal hatten Forscher derart umfangreich geschätzt, wie viele Strände von steigenden Meeresspiegeln verschluckt werden könnten. Nun aber widersprechen elf Wissenschaftler um Andrew Cooper und Gerd Masselink den Ergebnissen. In ihrem ebenfalls in Nature Climate Change erschienenen Beitrag schreiben sie, dass es auf Basis der Daten unmöglich sei, eine genaue Prognose abzugeben, wie viele Strände genau durch den Klimawandel bedroht seien. Dort, wo Strände von Deichen und Gebäuden umgeben seien, könnten sie tatsächlich erodieren und verschwinden. "Wo aber Rückzugsraum besteht, wie hinter den meisten Stränden der Welt, werden sie migrieren." Tatsächlich ist bekannt, dass Strände ins Landesinnere wandern können, wenn der Meeresspiegel steigt. Die Forscher um Vousdoukas hätten das nicht ausreichend berücksichtigt, schreiben ihre Kollegen. Doch auch sie zweifeln nicht, dass steigende Meeresspiegel Strände bedrohen - besonders dort, wo der Mensch ihnen den Rückzugsweg abgeschnitten hat.

Die Kritik entzündet sich vor allem an der aus Sicht von Cooper und Masselink veralteten Bruun-Regel, mit deren Hilfe Vousdoukas und Co. das künftige Ausmaß der Erosion von Sandstränden schätzen. Die Bruun-Regel gibt an, wie stark eine sandige Küste erodiert, wenn der Anstieg des Meeresspiegels und die Topografie der Küstenlinie bekannt sind - eine simple Formel also. Zu simpel, meinen Cooper und Masselink. Es gebe längst Alternativen.

Das Team um Vousdoukas nahm die Kritik an der Bruun-Regel in ihrer Studie allerdings bereits vorweg: "Trotz ihrer bekannten Nachteile ist sie für Analysen von großem Umfang adäquat", schrieben die Wissenschaftler. Aus Sicht von Cooper, Masselink und den neun anderen Autoren ist jedoch das Gegenteil der Fall. Sie halten das Vorgehen für zu grobschlächtig. "Sie legen keine globale Analyse dar; es handelt sich vielmehr um eine lokale Analyse, angewandt auf den ganzen Planeten", schreiben die Geowissenschaftler über ihre Kollegen.

Die Debatte zeigt, wie schwierig es ist, die Folgen des menschengemachten Klimawandels genau abzuschätzen - es gibt schlicht keine Blaupause für den gegenwärtigen rapiden Anstieg des Meeresspiegels. Dass Strände in der Vergangenheit, etwa nach der letzten Eiszeit, ins Landesinnere gewandert sind, muss nicht bedeuten, dass sie es diesmal wieder tun werden. Das Klima änderte sich damals viel langsamer und unter anderen Umständen als heute. Fest steht jedenfalls, dass der Anstieg des Meeresspiegels Strände ausgerechnet dort besonders bedroht, wo Bewohner von Küstenstädten auf deren Schutzfunktion vor Fluten angewiesen sind. Ob Strände an unbebauten, verlassenen Küsten wandern oder nicht, dürfte für diese Menschen zweitrangig sein.

© SZ
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