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Klimakolumne:Sommer-Vorschau im Februar

Wetter im Ruhrgebiet

Wenn sich der Februar wie Frühsommer anfühlt: Badelatschen auf einem Steg bei Essen.

(Foto: Caroline Seidel/dpa)

Die sonnigen Tage machen gerade vieles leichter - aber leider nur für einen Moment.

Von Pia Ratzesberger

Die beiden Frauen waren das erste Zeichen, vergangene Woche, auf der schmalen Holzbank. Sie trugen dicke Anoraks, aber zwischen ihnen stand schon eine Flasche Weißwein wie an einem dieser Abende, an denen die Luft plötzlich anders schmeckt. An denen man mit schweren Schuhen an Pistazieneis denken muss, und an all die Versprechen, die einem der Frühling so macht.

Die Frauen, die Flasche, waren der Beweis: Es wird warm. In diesen bleischweren Zeiten löste das besondere Euphorie aus, einen Trailer im Kopf, eine Vorschau wie auf Netflix. Radeln, Picknickdecke, erster Sonnenbrand. Andererseits war da die leise Stimme im Kopf, die flüsterte: viel zu warm für Februar, überhaupt nicht gut, gar nicht gut, bitte nicht freuen jetzt! Wobei ich an diesem Abend noch nicht ahnte, wie schnell es tatsächlich wie warm werden würde.

Vergangener Samstag, München: 17 Grad. Hannover: 16 Grad. Köln: 17 Grad. In Kiel und in Berlin 13 Grad, aber am Sonntag waren es dann auch dort mindestens 16. In Göttingen, normalerweise eher kein Ort der Extreme, stieg die Temperatur innerhalb von sieben Tagen um 41,9 Grad. Seit Menschen hierzulande nicht nur in den Himmel schauen, sondern das Wetter auch aufzeichnen, haben sie noch nie einen so großen Unterschied in so kurzer Zeit festgestellt.

Erstmals hatte es an sechs Wintertagen nacheinander 20 Grad

Die ungewöhnliche Wärme im Februar passt leider recht gut zum ungewöhnlich warmen Winter, der mir zwar eiszapfenkalt vorkam, aber die Leute vom Deutschen Wetterdienst analysieren im Gegensatz zu mir ja nicht kalte Hände, sondern kalte Zahlen und die ergeben auch schon den nächsten Rekord: Erstmals seit Beginn der Wetteraufzeichnungen -wie viele Nachrichtensendungen werden in der Zukunft wohl noch mit diesen Worten beginnen - hatte es an sechs Wintertagen hintereinander irgendwo in Deutschland mindestens 20 Grad.

Schon mehrmals, hieß es beim Wetterdienst, habe es drei aufeinanderfolgende Tage gegeben, aber nicht sechs. Und nicht, dass es dafür auch nur noch einen einzigen Beweis gebraucht hätte, aber dass sich die Zahl auf Anhieb verdoppelt habe, zeige "ganz deutlich die Klimaerwärmung".

Wobei, vielleicht hat auch gerade diese Woche gezeigt, dass manche noch immer Beweise brauchen. Mehrere Politiker warfen dem WDR nämlich allen Ernstes vor, Wahlkampf für die Grünen zu betreiben, weil der Sender einen neuen Instagram-Kanal gestartet hat, mit Namen Klima.Neutral. Vielleicht sollte man denjenigen, die sich da so entrüstet haben, mal eine Studie von der LMU München schicken, von Ana Bastos, Tammas Loughran und Julia Pongrat.

Die haben in den vergangenen Jahren erforscht, wie sich ein zu warmer Frühling auswirken kann, wie er hierzulande die Dürren im Sommer verstärkt, weil die Pflanzen früh stark wachsen und viel Wasser verbrauchen. Der extrem trockene Sommer vor drei Jahren, schreiben die Autorinnen, sei schon auch eine Folge des zuvor ungewöhnlich warmen Frühjahrs gewesen. Und dass die Wälder in Deutschland kein viertes warmes, trockenes Jahr in Folge gebrauchen können, dürfte spätestens nach dem in dieser Woche erschienenen Waldzustandsbericht klar sein.

Bei allen Unsicherheiten ist zumindest eines sicher: Meine Wettervorschau zeigt Stand heute, Freitag, München, neben vielen kleinen Sonnen für die nächste Woche auch Regen an. Ich versuche, mich darauf zu freuen.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

© SZ/weis
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