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Klimawandel:Bäume, die überschätzten Klimaschützer

Fichtensämlinge

Fichtensämlinge auf Totholz: CO₂-Speicher der Zukunft?

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wälder sind riesige CO₂-Speicher und gelten als Wundermittel, um die Erderwärmung doch noch unter zwei Grad zu drücken. Doch Ökologen bezweifeln zunehmend, dass der Plan funktioniert.

Von Benjamin von Brackel

Die Politik hat Wälder als Wunderwaffe im Kampf gegen den Klimawandel entdeckt. Bäume könnten helfen, so die Idee, die Erderwärmung doch noch unter zwei Grad Celsius zu halten. Bis zu zwei Dritteln aller Kohlendioxid-Emissionen, die der Mensch seit Beginn der Industrialisierung freigesetzt hat, ließen sich mithilfe von Aufforstung wieder einfangen, schrieben Forscher der ETH-Zürich 2019 im Wissenschaftsjournal Science - und wurden bereits damals heftig kritisiert. Länder wie China forsten dennoch bereits massiv auf. Kanada will zwei Milliarden neue Bäume pflanzen, die US-Naturschutzorganisation Nature Conservancy eine Milliarde.

Biologen hegen allerdings mehr und mehr Zweifel, ob die Wälder den Erwartungen gerecht werden können. Das liegt vor allem an den Begleiterscheinungen des Klimawandels, mit denen die Bäume zu kämpfen haben. Wie stark Europas Wälder zwischen 1979 und 2018 auf Feuer, Stürme und Insektenbefall reagiert haben, haben Wissenschaftler um Giovanni Forzieri vom Gemeinsamen Forschungszentrum der Europäischen Kommission jetzt auf Basis von Satelliten- und Beobachtungsdaten sowie statistischen Verfahren erstmals berechnet. Das Ergebnis erschien am Dienstag im Fachblatt Nature Communications: Zwar verloren die Wälder am meisten Biomasse aufgrund von Stürmen und Bränden, allerdings nahm ihre Verwundbarkeit insgesamt und über den Untersuchungszeitraum hinweg nur aufgrund des Insektenbefalls zu - und zwar massiv. "Der Trockenstress schadet den Bäumen direkt, begünstigt aber auch Insektenpopulationen, weil diese wechselwarmen Tiere sich schneller entwickeln und vermehren können", sagt Ökophysiologe Henrik Hartmann vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena, der an der Studie beteiligt war.

Aus den Daten ließ sich ein klarer Zusammenhang mit der Erderwärmung ablesen. Um das Jahr 2000 herum haben die steigenden Temperaturen demnach einen kritischen Punkt überschritten, der die Widerstandsfähigkeit der Wälder gegen Schädlinge "erheblich veränderte", so schreiben die Forschenden in ihrem Aufsatz. "Weitere Temperaturerhöhungen haben seitdem wahrscheinlich die Abwehrmechanismen der Pflanzen verringert und die europäischen Wälder zunehmend anfällig für Insektenausbrüche gemacht." Die Hauptleidtragenden: alte, hochgewachsene Bäume.

Am deutlichsten zeigten sich die Auswirkungen in Nordeuropa und im Norden Russlands, da dort die Temperaturen besonders stark ansteigen, aber auch auf der iberischen Halbinsel. Allerdings entpuppen sich seit dem Dürrejahr 2018 auch die Wälder in Deutschland als fragile Ökosysteme, vor allem die Fichten- und Kiefern-Monokulturen. In der aktuellen Studie erwiesen sich Mischwälder über den Untersuchungszeitraum hinweg als resistenter gegenüber Insektenbefall, Feuer und Stürmen. Hartmann warnt allerdings vor einfachen Rückschlüssen. "Natürlich ist ein gemischter Bestand besser als eine Monokultur", sagt er. Aber Mischbestände allein würden das Problem nicht lösen, "dafür waren zuletzt zu viele Baumarten befallen."

Mehr als die Hälfte der Wälder Europas halten die Autoren schon heute für anfällig für Stürme, Feuer und Insektenbefall. Und mit fortschreitendem Klimawandel dürfte sich das verstärken. "Wenn sich Schadinsekten durch den Klimawandel noch massenhafter vermehren, könnten wir in Zukunft sehr viel Wald verlieren", sagt Hartmann. "Das heißt nicht, dass es dann keinen Wald mehr gibt, aber es wird ein anderer Wald sein, ein jüngerer Wald, der weniger CO gebunden hat."

Die Lehre daraus: Wälder sind dynamische Systeme und bestehen aus lebendigen Organismen, die sich nicht als feste Größe im Kampf gegen den Klimawandel einplanen lassen. Zumal sich Wälder meist nur dort aufforsten lassen, wo früher schon mal Wald gestanden hat.

Überhaupt ist Aufforstung nicht immer gleichbedeutend mit Klimaschutz, wie US-Wissenschaftler kürzlich im Fachjournal Science Advances dargelegt haben. Grund ist der sogenannte Albedo-Effekt: Weil Bäume dunkler sind als viele andere Oberflächen, absorbieren sie die Sonnenstrahlen, während diese zum Beispiel von einem Schneefeld reflektiert werden. Obwohl die Bäume aus der Luft CO aufnehmen und es in Holz und Boden speichern, können sie also netto zur Erwärmung beitragen.

Der Geograf Christopher A. Williams von der Clark University in Worcester hat das mithilfe von Satellitenbeobachtungen für die USA untersucht. Auf etwa einem Viertel der Landfläche sorgte die Entwaldung demnach insgesamt für eine Abkühlung - etwa in den Rocky Mountains. Der Verlust von Wäldern im Osten des Mississippi und in den pazifischen Küstenstaaten hingegen habe überwiegend zu einer Erwärmung geführt. "Es geht darum, die richtigen Bäume am richtigen Ort zu platzieren", sagte Williams. "Studien wie unsere können helfen herauszufinden, wo das Potenzial für eine Abkühlung am größten ist."

Wälder können neben zahlreichen anderen Ökosystemfunktionen also auch zum Klimaschutz beitragen, allerdings erscheint ihr Beitrag kleiner als erhofft. "Der Wald ist kein Allheilmittel gegen die Erderwärmung", sagt Hartmann. "Die eigentliche Lösung liegt woanders - in der Abkehr von den fossilen Ressourcen."

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