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Klimawandel in Europa:Steigende Pegel, überall

Die Europäer spüren schon jetzt dem Klimawandel. In Italien bleibt der Schnee aus, in Spanien leiden die Olivenbäume, in Großbritannien gibt es Überschwemmungen. Doch Europa handelt zögerlich.

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Großbritannien

Überschwemmungen in Großbritannien

Quelle: dpa

Schwere Überschwemmungen, die vergangenes Jahr mehr als 11 000 Grundstücke in Großbritannien trafen, könnten Vorboten größeren Unheils sein. Der Winter 2013/14 war der feuchteste seit Beginn der Wetteraufzeichnung, mit schweren Stürmen bereits im Oktober. Bis Ende Februar waren mehr als 7800 Häuser und 3000 Gewerbegrundstücke überflutet. "Überschwemmungen stellen für Großbritannien die größte Gefahr des Klimawandels dar", sagt Daniel Johns vom britischen Committee on Climate Change (CCC). "Einfache Physik sagt uns, dass die Wahrscheinlichkeit von Hochwasser infolge der Erderwärmung wächst. Wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit transportieren, mehr Wasserdampf gelangt vom Ozean in die Atmosphäre. Warme, feuchte Luft ist der Stoff, der Stürme antreibt."

Die Briten gewöhnen sich an Fernsehbilder von Stadtzentren, die unter Wasser stehen, von Menschen, die nur auf Schlauchbooten in ihre Häuser gelangen. Manche Anwesen nahe der Themse und im tief liegenden Südwesten waren schon so oft überschwemmt, dass sie nicht mehr zu versichern sind. Johns zufolge wurde Großbritannien seit den 1970er-Jahren um ein Grad wärmer, der Meeresspiegel entlang der Küsten stieg seit Beginn des 20. Jahrhunderts um 15 Zentimeter. Obwohl Stadtplaner verhindern sollen, dass neue Wohnungen in Flutgegenden errichtet werden, geschieht dies laut CCC 1500-mal im Jahr. Das CCC schätzt, dass die Zahl der Wohnungen, deren Überflutungsrisiko mindestens 1:30 beträgt, in zehn Jahren von 150 000 auf 190 000 steigt.

Johns glaubt nicht, dass man in diesem Jahrhundert Gemeinden umsiedeln muss. Aber der Temperaturanstieg müsse gestoppt werden. "Deshalb ist es so wichtig, dass die Pariser Konferenz ein Erfolg wird. Es wird für Großbritannien viel günstiger, sich an ein Zwei-Grad-Szenario anzupassen als an ein Vier-Grad-Szenario."

THE GUARDIAN

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Frankreich

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Quelle: Andrea Schaffer / CC by 2.0 / Flickr

In Saintes-Maries-de-la-Mer arbeitet eine mechanische Schaufel im Étang von Fangassier, der Brackwassersee ist so lange trockengelegt. Der Motor häuft einen kleinen Erdhügel auf: genug, um den rosa Flamingos einen neuen Platz zu bieten, wo sie sicher vor Füchsen in den alten Salzsümpfen nisten können. Man musste handeln: Ihre alte Brutinsel ist schon unter Wasser. Und im Delta zwischen den Rhône-Armen scherzt man nicht mit dem Symbolvogel der Camargue, auch wenn es dort 12 000 Paaren gut geht. Die Naturregion im Südwesten am Mittelmeer ist berühmt für die vielen Tier- und Pflanzenarten, denen sie Schutz gibt, für Reis und Salzsümpfe. Doch die Camargue ist in Gefahr.

Es sind mehr Anstrengungen nötig, denn das Meer wird infolge der Klimaerwärmung einen Gutteil der 6500 Hektar bedecken, die vor Kurzem das "Conservatoire du littoral" im Département Bouches-du-Rhône aufgekauft hat, die Schutzbehörde des Küstengebiets. Das Unternehmen, dem die Salinen "Salins du Midi" gehörten, fing 2008 an, sie zu verkaufen: Es wurde immer schwieriger, die Salzwasserteiche auszubeuten. Die neuen Besitzer verzichten darauf, gegen steigende Wasserspiegel mit Pumpen und immer höheren Dämmen anzukämpfen, wie es die Salzproduzenten taten.

"Wir schätzen, dass 1000 oder 2000 Hektar wieder Salzsteppe werden, auf der hier traditionell Stiere und Pferde weiden, die tieferen Teile werden überschwemmt." Wo genau? "Das weiß man nicht", gibt Gael Hemery zu, Hüter der Uferzonen im Herzen des Naturparks Camargue. Der Damm vor ihm hat sich an mehreren Stellen gesenkt. Wellen prallen an, dringen ein und reduzieren den bescheidenen Rest der Düne zum Nichts. Vor 50 Jahren breiteten sich vor dem Damm noch 300 Meter Strand aus. Das Meer ist stärker. Es ist nur eine Zeitfrage. Wenn es die jetzt für die frühere Saline Verantwortlichen vorziehen, "den Rückzug der Küstenlinie zu begleiten", wie Gael Hemery sagt, ist es denkbar, natürliche, unbebaute Räume dem Meer zu überlassen - auf die Gefahr, bei den Camargue-Einwohnern auf Unverständnis zu treffen. Sie mühten sich immer, dem Meer etwas abzugewinnen.

LE MONDE

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Polen

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Quelle: Jörg Schubert / CC by 2.0

13 Milliarden Euro - so viel hat Polen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wegen der Klimaerwärmung verloren. Von 2011 bis 2030 könnten die Verluste bis zu 51 Milliarden Euro betragen. Dies geht aus dem Strategieplan des Umweltministeriums zur Anpassung an den Klimawandel hervor. Die Zahlen erfassen die Schäden durch Hitzewellen und Wolkenbrüche. Nach Auffassung von Umweltminister Maciej Grabowski betreffen diese Folgen der Erwärmung vor allem Städte mit mehr als 90 000 Einwohnern. Deshalb ließ er den auf die Städte zugeschnittenen Plan ausarbeiten.

Und das Ostseeufer? Minister Grabowski sagt dazu: "Ich habe keine Informationen darüber, dass es bedroht wäre."

Da ist Tomasz Łabuz von der Universität Stettin, der seit Jahren die Entwicklung an der Ostsee beobachtet, anderer Meinung. Er sagt: "An den meisten Abschnitten geht die Uferlinie zurück. Die Ostseegemeinden betreiben Raubwirtschaft." In den vergangenen hundert Jahren stiegt die Ostsee um 20 Zentimeter an. In Polen baut man weiter mehrstöckige Hotels und Apartmenthäuser direkt am Ufer und betoniert Strände zu, auch Naturstrände.

"Warum gestalten wir die Ufer entgegen den Naturgesetzen um?", fragt Paweł Średziński vom WWF Polen. "Wir versenken nicht nur Millionen im Meer, sondern schaffen auch gefährliche Präzedenzfälle. Es tauchen nämlich sofort Investoren auf, die jeden naturbelassenen Strand zubauen wollen." Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Polska im Auftrag des Umweltministeriums halten 86 Prozent der Polen den Klimawandel für ein ernstes Problem. "Es gibt schon gar keine Debatte mehr darüber, ob die globale Erwärmung wirklich stattfindet", meint aber Minister Grabowski. Wirklich?

Szymon Malinowski, Atmosphärenphysiker der Universität Warschau, schrieb kürzlich: "Es erfordert sehr starke Nerven anzuhören, wie bei Treffen im Parlament Wissenschaftler und Lobbyisten unseren Entscheidungsträgern ihr Wissen über das Klima darlegen. Am Ende solcher Treffen befindet sich der sachkundige Beobachter meist am Rande eines Nervenzusammenbruchs." Malinowski beklagt nicht nur den Wissensstand der Parlamentarier, sondern auch das Elend der polnischen Klimapolitik. Es gebe nur eine Handvoll Wissenschaftler, die seriös forschen und damit auch im Ausland Beachtung finden. "Das Parlament spiegelt sehr gut den Zustand unserer Gesellschaft wider", sagt er.

GAZETA WYBORCZA

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Italien

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Quelle: Saint Grée

Die Straße führt zwischen Kastanienbäumen empor bis zum Fuß eines mit Tannen bewachsenen Hügels, über den drei Skipisten laufen. Der höchste Punkt liegt bei 1600, der tiefste bei knapp 1000 Metern. Die Skistation heißt Viola Saint Grée und liegt in den italienischen Seealpen, im Grenzgebiet der Regionen Piemont und Ligurien. Es gibt drei Lifte, was übertrieben für einen Ort ist, der wegen seiner geringen Höhe nur wenig Schnee verspricht. Doch es gibt weiterhin öffentliches Geld: Der letzte Zuschuss von 700 000 Euro kommt aus den Kassen der Region Piemont.

Saint Grée ist Sinnbild der Verschwendung. Es entstand in den Siebzigerjahren, als einige ligurische Unternehmer glaubten, dieser grüne Hügel, dem die feuchte Meeresluft üppige Schneefälle verschaffte, eigne sich für gute Geschäfte mit dem Tourismus. Doch dann machte sich der Schnee rar. Es folgten derart trockene Winter, dass es unmöglich wurde, die Lifte zu betreiben. 1997 gaben die Geschäftsleute auf. Konkurs. Prozesse. Dann kam der Wiederaufschwung, dank eines gemeinsamen Programms von Region, Berggemeinschaft und Gemeinde. Von den 2000er-Jahren an gab es öffentliche Fördergelder. Doch der Schnee kommt nicht wieder - und die Klimavorhersagen sagen einen Anstieg der Durchschnittstemperatur voraus. Das ist fatal für Viola Saint Grée, das seinen Originalnamen San Grato fürs Tourismusgeschäft extra französisiert hat.

Viola Saint Grée sei einer der 50 kleineren Orte in den Alpen, die nicht maßgebend seien, wenn es um die wirtschaftliche Entwicklung des Skifahrens gehe, sagt der Genfer Forscher Laurent Vanat, einer der weltweit besten Skitourismus-Experten. Der höchste Punkt des Skigebiets von Viola liegt 400 Meter unter der Grenze, bei der man sichergehen kann, natürlichen Schnee zu haben. Die Experten des alpinen Forschungszentrums "Fondazione Montagna sicura" in Courmayeur meinen: "In den Westalpen muss man bis Ende des Jahrhunderts mit einem Anstieg der mittleren Jahrestemperatur um zwei bis drei Grad rechnen." Als Folge werde die Höhengrenze, bei der Regen in Schnee übergeht, gegenüber heute um 500 Meter steigen. Vanat sagt: "Die großen Skistationen sind sich seit rund zehn Jahren des Klimarisikos bewusst und haben Maßnahmen wie künstliche Beschneiung ergriffen. Auch wenn die Alpen besonders viel Skifahrer anzögen, künftig wachse das Skigeschäft anderswo - in Russland, China und Zentralasien.

LA STAMPA

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Spanien

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Quelle: AFP

Der Olivenbaum ist in Südspanien eine Jahrtausende alte Kulturpflanze. Sie ist eng mit Kultur und Wirtschaft verbunden. In Andalusien gibt es 1,5 Millionen Hektar Olivenhaine, 40 Prozent der Weltolivenölproduktion kommen von dort. Aber der Klimawandel könnte die Landschaft verändern und die jahrhundertealte andalusische Olivenölproduktion verschwinden lassen. Viele Studien weisen auf die Gefahr hin, die der Anstieg der Temperaturen für den Olivenbaum birgt. "Wenn man die Klimatendenzen langfristig betrachtet, fällt auf, dass ihre Auswirkungen besonders stark sind bei Pflanzen, die auf ein bestimmtes Klima angewiesen sind, wie Olivenbäume", erklärt José Antonio Oteros, Biologe und Forscher am Zentrum für Allergie und Umwelt an der TU München.

Ana Iglesias ist Agraringenieurin am Polytechnikum in Madrid. Sie gehört zu den spanischen Forschern, die am letzten Bericht der Weltklima-Rat-Experten im Auftrag der UN mitarbeiteten. Sie stellt heraus, dass der Olivenbaum auch in Gefahr sei, weil er sehr wenig einbringe. Außerdem litten unter dem Klimawandel die Pflanzen am meisten, die sich am schlechtesten Veränderungen anpassen können, also Weinstöcke und Olivenbäume. Ihr Anbau sei nur auf lange Sicht möglich. Es dauert Jahrzehnte, bis sie Erträge liefern. In den Weinbau werde viel Geld investiert - aber man denke dabei zu wenig an den Klimawandel. Andere Gegenden Spaniens, die vom Menschen verlassen sind, drohten sich in Wüsten zu verwandeln.

Der Temperaturanstieg sei nur ein Problem. Auch extreme Wetterphänomene wie Hagel oder Dürre nähmen zu. Marta Rivera, Lebensmittelexpertin der Universität Vic in Barcelona und ebenfalls Mitglied der UN-Expertengruppe, sagt sinkende Produktivität in allen Bereichen der Landwirtschaft voraus, für intensiv wie extensiv genutzte Flächen. Es gehe gar nicht so sehr um einzelne Pflanzen. In Gefahr sei auf Dauer die ganze Lebensmittelversorgung.

EL PAIS

© SZ.de/dpa/AFP/chrb

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