bedeckt München 16°

Klimawandel:Die Menschheit muss CO₂ aus der Atmosphäre entfernen. Anders geht es nicht

Wohl kaum. Aus diesem Grund sieht jedes 1,5-Grad-Szenario einen sogenannten Overshoot vor: Thermometer würden für Jahrzehnte bis zu zwei Grad Erwärmung anzeigen, bevor die Ausschläge zum Ende des Jahrhunderts wieder unter das Limit fallen. Um das zu erreichen, sind "negative Emissionen" nötig - sprich: Die Menschheit muss Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen. Solche Verfahren werden Geoengineering genannt.

Die meist-diskutierte Methode heißt BECCS (Bioenergy Carbon Capture and Storage). Dabei wird in großem Umfang Energie aus Biomasse gewonnen, und beim Verbrennen fängt man das entstehende Kohlendioxid auf und verpresst es tief in der Erde. Diese Idee hat in Deutschland und anderen Staaten heftigen Widerstand ausgelöst und gilt zurzeit als politisch nicht durchsetzbar.

Aus all diesen Gründen kritisieren einige Wissenschaftler bereits die Diskussion über das 1,5-Grad-Ziel. Sie sei eine "Ablenkung", sagte Kevin Anderson vom Tyndall Centre in Manchester bei der Konferenz in Oxford, und "drängt die Wissenschaft in Richtung Geoengineering". Werde der Anbau von Energiepflanzen stark ausgebaut, ergänzte John Magrath von der Hilfsorganisation Oxfam, könne dies das Ziel gefährden, den Hunger in der Welt zu besiegen.

Diese Vorwürfe findet Carl-Friedrich Schleußner vom Berliner Institut Climate Analytics nicht gerechtfertigt: Negative Emissionen und BECCS dürften auch für die Zwei-Grad-Grenze nötig werden. "Eine intensive Debatte über den Ausbau der Bioenergie ist wichtig, aber das ist nicht die einzige Fragestellung in Bezug auf die 1,5-Grad-Grenze. Mögliche Risiken müssten mit den vermiedenen Klimafolgen verglichen werden", sagt er.

Ohnehin, so glauben es viele Wissenschaftler, werden sich die Entwicklungspfade in Richtung 1,5 oder zwei Grad Erwärmung bis zum Jahr 2030 kaum unterscheiden. Szenarien, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent den weniger strengen der Grenzwerte einhalten, erlaubten mit mehr als 50-prozentiger Chance auch, das ehrgeizigere Ziel zu erreichen, so Schleußners Team (Nature Climate Change). Allerdings seien wichtige Entscheidungen zu fällen, davon ist der Berliner Forscher überzeugt: "Wir müssen so viel wie möglich so schnell wie möglich tun."

© SZ vom 13.10.2016/fehu

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite