Süddeutsche Zeitung

Klimawandel:Die 1,5-Grad-Frage

Die Erde hat sich bereits um 0,8 Grad Celsius erwärmt. Können die ehrgeizigen Ziele des Klimaabkommens von Paris überhaupt noch erreicht werden?

Von Christopher Schrader

Aufregend, ehrgeizig, gewaltig, beängstigend - Wissenschaftler, sonst nüchtern formulierend, haben zurzeit einen Hang zu kräftigen Adjektiven. Damit beschreiben sie die Aufgabe, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu beschränken. Eine Mammutaufgabe, nachdem mehr als 0,8 Grad bereits erreicht sind. Doch das ehrgeizige 1,5-Grad-Ziel steht als Wunsch im Klimaabkommen von Paris neben der Forderung, "deutlich unter zwei Grad" zu bleiben. Der Ehrgeiz der Diplomaten hat die Klimaforscher bei den Verhandlungen in Paris kalt erwischt, sagt Myles Allen von der Universität Oxford, der kürzlich eine Konferenz zum Thema an seiner Hochschule organisiert hat. "Vor Paris hatten wir uns damit abgefunden, nur noch den Unterschied zwischen drei und vier Grad Erwärmung zu suchen."

Sollte es tatsächlich gelingen, die Erwärmung langfristig bei 1,5 Grad anzuhalten, würde der Meeresspiegel bis 2100 nur um 40 Zentimeter steigen statt um 50 Zentimeter, falls es zwei Grad werden. Langfristig könnte damit ein Teil des Eispanzers von Grönland erhalten bleiben. Die Verfügbarkeit von Frischwasser an den Gestaden des Mittelmeers würde bei 1,5 Grad um neun Prozent sinken, bei zwei Grad um 17 Prozent. Starkregen-Ereignisse in Südasien würden um sieben statt zehn Prozent zunehmen. Ein knappes Drittel der Korallenriffe hätte die Chance, sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu erholen, bei zwei Grad wären 99 Prozent vom Absterben bedroht. Die Produktion von Getreide würde bei 1,5 Grad sogar steigen, höhere Temperaturen hingegen lassen die Ernten von Weizen und Soja stagnieren und den Mais-Ertrag sinken. Nur die Reismenge würde zunehmen, zeigt eine Berechnung in Earth System Dynamics.

"Gigantische Herausforderung"

Solche Vorteile stehen der "gigantischen Herausforderung" gegenüber, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. So nennt Katja Frieler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die globale Aufgabe; der Ausdruck trifft auch auf das Arbeitsprogramm der Wissenschaftlerin zu. Sie koordiniert ein internationales Projekt, bei dem 60 bis 100 Arbeitsgruppen auf Basis gemeinsamer Klima-Szenarien die Zukunft berechnen. Die Wissenschaftler wollen detaillierte Daten über Ernten, Trinkwasser und Wälder, Krankheitserreger und Permafrost-Böden in der 1,5-Grad-Welt erlangen, um die vorläufigen Schätzungen zu unterfüttern. Diese Zahlen sollen bis Oktober 2017 berechnet, ausgewertet, aufgeschrieben und bei Fachzeitschriften eingereicht sein, sonst fließen die Erkenntnisse nicht mehr in den Sonderbericht ein, den der Weltklimarat IPCC 2018 vorlegen will.

Trotz all dieser Mühen bleiben wenig Chancen, dass die globale Erwärmung tatsächlich bei 1,5 Grad gestoppt werden kann. Dieses Ziel ist drei große Schritte von der Realität entfernt.

Erstens müssten es alle Staaten schaffen, die Reduktionsziele einzuhalten, die sie in Paris verkündet haben. Für die USA schlagen Wissenschaftler bereits Alarm: Die bisher erlassenen Regeln reichten nicht aus (Nature Climate Change). Ähnliche Zweifel haben Experten an den Maßnahmen der EU und Deutschlands im Speziellen; der Streit um den Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung belegt es.

Zweitens müssten die Klimaziele der Staaten deutlich erhöht werden, um auch nur die in Paris verbindlich beschlossene Zwei-Grad-Grenze einzuhalten. Die regelmäßige Überprüfung und Anpassung soll 2018 beginnen, aber alle Maßnahmen bleiben freiwillig. Drittens würde eine Grenze von 1,5 Grad noch eine weitere Verschärfung erfordern. Das zeigt sich am sogenannten Kohlenstoff-Budget. Um mit guter Chance bei zwei Grad Erwärmung zu bleiben, so besagt es der jüngste IPCC-Bericht, dürfe die Menschheit vom Jahr 2011 an noch 1000 Milliarden Tonnen Kohlendioxid und andere Treibhausgase ausstoßen. Für die 1,5-Grad-Grenze sind es nur 400 Milliarden Tonnen - fast die Hälfte davon ist seit 2011 bereits emittiert worden. Spätestens in der ersten Hälfte der 2020er-Jahre dürfte das Budget somit verbraucht sein. Kann es gelingen, danach weltweit CO₂-neutral zu bleiben?

Die Menschheit muss CO₂ aus der Atmosphäre entfernen. Anders geht es nicht

Wohl kaum. Aus diesem Grund sieht jedes 1,5-Grad-Szenario einen sogenannten Overshoot vor: Thermometer würden für Jahrzehnte bis zu zwei Grad Erwärmung anzeigen, bevor die Ausschläge zum Ende des Jahrhunderts wieder unter das Limit fallen. Um das zu erreichen, sind "negative Emissionen" nötig - sprich: Die Menschheit muss Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen. Solche Verfahren werden Geoengineering genannt.

Die meist-diskutierte Methode heißt BECCS (Bioenergy Carbon Capture and Storage). Dabei wird in großem Umfang Energie aus Biomasse gewonnen, und beim Verbrennen fängt man das entstehende Kohlendioxid auf und verpresst es tief in der Erde. Diese Idee hat in Deutschland und anderen Staaten heftigen Widerstand ausgelöst und gilt zurzeit als politisch nicht durchsetzbar.

Aus all diesen Gründen kritisieren einige Wissenschaftler bereits die Diskussion über das 1,5-Grad-Ziel. Sie sei eine "Ablenkung", sagte Kevin Anderson vom Tyndall Centre in Manchester bei der Konferenz in Oxford, und "drängt die Wissenschaft in Richtung Geoengineering". Werde der Anbau von Energiepflanzen stark ausgebaut, ergänzte John Magrath von der Hilfsorganisation Oxfam, könne dies das Ziel gefährden, den Hunger in der Welt zu besiegen.

Diese Vorwürfe findet Carl-Friedrich Schleußner vom Berliner Institut Climate Analytics nicht gerechtfertigt: Negative Emissionen und BECCS dürften auch für die Zwei-Grad-Grenze nötig werden. "Eine intensive Debatte über den Ausbau der Bioenergie ist wichtig, aber das ist nicht die einzige Fragestellung in Bezug auf die 1,5-Grad-Grenze. Mögliche Risiken müssten mit den vermiedenen Klimafolgen verglichen werden", sagt er.

Ohnehin, so glauben es viele Wissenschaftler, werden sich die Entwicklungspfade in Richtung 1,5 oder zwei Grad Erwärmung bis zum Jahr 2030 kaum unterscheiden. Szenarien, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent den weniger strengen der Grenzwerte einhalten, erlaubten mit mehr als 50-prozentiger Chance auch, das ehrgeizigere Ziel zu erreichen, so Schleußners Team (Nature Climate Change). Allerdings seien wichtige Entscheidungen zu fällen, davon ist der Berliner Forscher überzeugt: "Wir müssen so viel wie möglich so schnell wie möglich tun."

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Quelle:
SZ vom 13.10.2016/fehu
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