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Psychologie:Teuflisches Duo

FILE PHOTO: Wildfire in California burns through the night north of Los Angeles

Kalifornien steht in Flammen, die Wälder brennen.

(Foto: Gene Blevins/Reuters)

Die Corona-Pandemie hält die Menschheit in Atem - und die Klimakrise braut sich zu einer akuten Bedrohung zusammen. Wie man so viel Weltuntergang aushält, ohne zu verzweifeln.

Von Sebastian Herrmann

Ein Strom aus Hiobsbotschaften fließt durch die Gegenwart und schleift die Zuversicht der Menschen klein. Die Zahl der Neuerkrankungen an Covid-19 steigt, in Deutschland, in Europa, in der Welt. Der Herbst steht vor der Tür und damit die Sorge, dass sich das Infektionsgeschehen wieder drastisch verschärft. Aus dem Schatten der Pandemie kehrt gerade der Klimawandel zurück ins öffentliche Bewusstsein. Kalifornien steht in Flammen, die Wälder brennen. Auch in Europa war der Sommer zu heiß, zu trocken, und die Prognosen für das Klima stehen schlecht, der Eisschild Grönlands, der Permafrost der Arktis, der Golfstrom, die ganze Lebensgrundlage der Menschheit.

"Wir sehen gerade, dass der Planet brennt", sagt der Umweltpsychologe Gerhard Reese von der Universität Koblenz-Landau, "es fängt an, wehzutun." Der Klimawandel kehrt als Thema zurück auf die Bühne der Öffentlichkeit, wie Befragungen zeigen. Auch die Aktivisten von "Fridays for Future" waren am Freitag nach langer Pandemie-Pause wieder mit öffentlichen Protestaktionen präsent.

Corona und Klimawandel, ein teuflisches Duo. Wie lässt sich das ertragen, wie viel Weltuntergang können die Menschen aushalten, ohne sich abzuwenden und zu resignieren?

"Grundsätzlich halten wir sehr viel Krise aus", sagt Immo Fritsche, der an der Universität Leipzig zur Psychologie der Umweltkrise forscht. "Die Apokalypse wirkt ja durchaus auch anziehend auf das Publikum." Negative Nachrichten verfügten über einen Aufmerksamkeits- und Erinnerungsvorteil, so der Psychologe. Sie werden stärker wahrgenommen als frohe Botschaften. Und doch lässt die permanente Abfolge an gefühlten Großkrisen nur ein gewisses Maß an kollektiver Beachtung zu: Das Migrationsthema drängte seit dem Höhepunkt 2015 lange Zeit alles andere in den Schatten, bis kurz der Klimawandel im Rampenlicht stand, das ihm dann die Corona-Pandemie raubte. "Es mag nicht klug sein, ist aber psychologisch nachvollziehbar: Die Menschen versuchen eben, eins nach dem anderen abzuarbeiten", sagt Andreas Ernst, Psychologe und Umweltwissenschaftler an der Uni Kassel. Das kollektive Aufmerksamkeits- und Aktionspotenzial ist begrenzt.

Die Menschheit als Ganzes mag recht krisenfest sein, "individuell bestehen jedoch riesige Unterschiede", sagt der Psychologe Reese. Unterschiedliche Persönlichkeiten reagieren mit unterschiedlichen Strategien; und jede Krise weckt andere Muster und Antworten. Auf der einen Seite bedarf es großer Dringlichkeit oder spürbarer Not, um eine Krise wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Ohne Druck geht nichts - doch zu viel Angst lähmt, besonders, wenn kein Ausweg in Sicht ist.

"Die Menschen verdrängen, wenn sie nicht wissen, was zu tun ist, oder wenn sie keine Chance sehen, ein Ziel zu erreichen", sagt der Psychologe Dieter Frey von der Universität München. Eine gängige Reaktion auf Katastrophennachrichten besteht dann darin, sich abzuwenden, um wenigstens "der emotionalen Folgen einer Krise Herr zu werden", wie Fritsche das formuliert. Unangenehmen Wahrheiten, das haben viele Studien gezeigt, gehen Menschen gerne aus dem Weg, indem sie den Kopf in den Sand stecken. Börsenhändler checken ihr Depot nicht mehr, wenn die Kurse fallen; Raucher blenden Informationen über die schädlichen Folgen ihrer Sucht aus; oder - noch konsequenter - man leugnet das Problem als Ganzes. Corona sei ein Fehlalarm, der Klimawandel eine Lüge, heißt es dann.

"Wenn wir aber das Gefühl haben, wir könnten etwas erreichen, dann gehen wir Krisen eher problemorientiert an", sagt Fritsche. Wer einen Plan hat, stillt damit auch ein psychologisches Grundbedürfnis: Kontrolle über Situationen und sein Leben ausüben zu können. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit nimmt Katastrophennachrichten etwas von ihrem Schrecken.

Krisen wie der Klimawandel oder die Corona-Pandemie stürzen vor allem das Individuum in eine Starre: Was kann ein Einzelner schon ausrichten, ist nicht sowieso alles egal? "Deshalb sind Gruppen so wichtig", sagt Fritsche. In akuten Krisenzeiten neigen die Menschen ohnehin dazu, kollektivistischer als sonst zu denken und zu handeln. Wer dann sein Handeln als Teil einer kollektiven Bewegung begreift, könne sich aus dem Gefühl der Ohnmacht befreien. "Was dann alles möglich ist, das haben wir in der Corona-Krise gesehen", sagt Fritsche, "das ganze Land ist in Bewegung gekommen, wir handeln zusammen." Wenn es ans Eingemachte gehe, sagt auch Ernst, dann seien die Menschen sehr wohl handlungsfähig.

Um Krisen zu bewältigen und als Einzelner nicht zu verzweifeln, ist es also wichtig, Gleichgesinnte zu finden und gemeinsam anzupacken. Ob dabei das Problem gelöst wird? Vielleicht, wer weiß. Sicher ist aber: Es hilft der Psyche, den ganzen Wahnsinn halbwegs zu verdauen.

© SZ vom 26.09.2020/aner

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