SZ-Klimakolumne:Der Sommer, die Kohle und das Niedrigwasser

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SZ-Klimakolumne: Die Wasserstände in Flüssen sind so niedrig wie lange nicht. Das erschwert auch die Belieferung von Kohlekraftwerken.

Die Wasserstände in Flüssen sind so niedrig wie lange nicht. Das erschwert auch die Belieferung von Kohlekraftwerken.

(Foto: Marc John/Imago)

Das Land könnte stolz sein auf die Energiewende. Stattdessen werden die Rufe nach Kohlekraft und Atomstrom lauter. Was für eine Verzerrung der Wirklichkeit.

Von Michael Bauchmüller

Ist Ihnen auch so heiß? Haben Sie auch am Morgen alle Vorhänge zugezogen, damit es zuhause halbwegs erträglich bleibt? Der Sommer hat das Land voll im Griff, und er ist schon wieder auf bestem Wege, Rekorde zu brechen. Zum Beispiel bei den Flusspegeln, über die diese Woche auch mein Kollege Thomas Hummel in einem lesenswerten Stück berichtet hat.

Die Wasserstände der Flüsse seien so niedrig wie lange nicht, erfährt man dazu dieser Tage auch in den Nachrichten, nicht selten mit einem bangen Nachsatz: Das erschwere leider die Belieferung von Kohlekraftwerken. Die Binnenschiffe könnten nur einen Teil der üblichen Kohle laden, sonst würden sie zu schwer. Moment mal, Kohle und Klima, Klima und Niedrigwasser? War die Kohle nicht eben noch Teil des Problems?

Krieg und Krise werten derzeit einiges um, und wie oft in Krisenzeiten stützt sich der Mensch auf Vertrautes. Kohlekraft und Atomenergie, eben noch aus guten Gründen verpönt, gelten inzwischen als Retter in der Not. Verlässliche Energie, die dann da ist, wenn man sie braucht (es sei denn, die Flusspegel sind so niedrig, dass Schiffe nicht voll Kohle fahren können; oder die Flüsse sind so warm, dass sich Atomkraftwerke wie in Frankreich nicht mehr kühlen lassen). Schon verlangt die Union nach deutlich längeren Atomlaufzeiten, und ostdeutsche Länder wollen die Kohlekraftwerke so lange wie möglich am Netz halten. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu den Freiheitsrechten künftiger Generationen scheint Lichtjahre entfernt, und die deutsche Energiewende wirkt plötzlich wie ein historischer Fehler, wie eine kurze Episode der Verirrung.

Was für eine grobe Verzerrung der Wirklichkeit. Dieses Land könnte sich auf die Schulter klopfen für die geniale Idee, fossile und nukleare Kraftwerke durch Wind und Sonne abzulösen - und sich allenfalls ärgern, mit der Energiewende, mit der Digitalisierung und dem Ausbau der Stromnetze nicht schneller vorangekommen zu sein. Bürgerinnen und Bürger könnten an frühere Einsichten anknüpfen, dass die beste Kilowattstunde immer noch die ist, die keiner verbraucht - und Vorbereitungen treffen für einen Winter, in dem Energie zum ersten Mal seit 50 Jahren tatsächlich knapp werden könnte. Doch die aktuelle Debatte dreht sich um die Bereitstellung alter Energie, als gäbe es kein Morgen mehr. Es kann einen frösteln lassen, trotz aller Hitze.

Aber der Sommer ist zum Glück auch die Zeit, in der die Seele baumeln kann. In der die Hitze jedes Tempo drosselt, eine Zeit zum Innehalten. Ein solcher Moment des Innehaltens könnte zeigen: Der Energiewende-Kurs der letzten Jahre war gar nicht so schlecht, mit Blick auf das Klima, auf die Sicherheit, auf die Freiheiten künftiger Generationen. Es wäre ein aberwitziger Erfolg des fossilen Kriegstreibers Wladimir Putin, brächte er das Land von diesem Kurs noch ab.

Und der Sommer ist die Zeit, Sonne und Kraft zu tanken. Beides werden wir im kommenden Winter brauchen. Auch das Team vom Klimafreitag der SZ schnauft noch einmal durch - wir melden uns wieder am 9. September.

(Dieser Text stammt aus dem wöchentlichen Newsletter Klimafreitag, den Sie hier kostenfrei bestellen können.)

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