Neurowissenschaft Amazon nutzt unsere biologischen Schwächen aus

Nach jedem Einkauf wird im Gehirn der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, die körpereigne Glücksdroge.

(Foto: dpa/dpaweb)

Der Mensch mag sich aus seiner steinzeitlichen Umgebung befreit haben, aber das Gehirn folgt noch immer den alten Mechanismen. Das macht das Einkaufen im Internet so gefährlich.

Kommentar von Christian Gschwendtner

So ein T-Shirt im Internet ist schnell bestellt. So schnell, dass man es im Grunde gleich wieder vergessen hat. Umso größer ist die Freude, wenn es das Stück Baumwolle drei Tage später tatsächlich an die eigene Haustür schafft.

Neurowissenschaftler kennen den Effekt: Der Mensch mag sich längst aus seiner steinzeitlichen Umgebung befreit haben, aber sein Gehirn funktioniert noch nach den alten Mechanismen. Wer früher Gegenstände anhäufte, erhöhte damit seine Überlebenschancen. Klar, dass die Natur dafür eine Belohnung übrig hat. Noch heute wird aus diesem Grund nach jedem Einkauf der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet, die körpereigene Glücksdroge. Das ist hinterhältig, weil eine Kaufentscheidung in den seltensten Fällen eine Entscheidung über Leben und Tod ist. Viel wahrscheinlicher ist es stattdessen, dass die Biologie zu Käufen verleitet, die man nie tätigen wollte.

Der Durchschnittseuropäer besitzt heute 10 000 Gegenstände - es dürften bald noch mehr werden

Besonders gefährlich wird es im Internet. Dort winkt statt einer einfachen Belohnung eine doppelte. Nämlich einmal beim unmittelbaren Bezahlvorgang und ein zweites Mal Tage später beim Erhalt der Ware, wie Wissenschaftler feststellten. Deshalb spricht viel dafür, dass ein Online-Einkauf zumindest kurzfristig glücklicher macht als eine Shopping-tour in der Fußgängerzone.

Umgekehrt steigt die Suchtgefahr dadurch rapide an. Schon heute leiden rund sechs Prozent der Menschen in Deutschland unter Kaufsucht. Schuld daran sind auch Konzerne wie Amazon, die die biologischen Schwachstellen genau kennen, sie aber gnadenlos ausnutzen. Sie wissen, wie kurz die menschliche Aufmerksamkeitsspanne ist. Deshalb soll das Einkaufen im Internet möglichst bequem und schnell erledigt werden. Die Ein-Klick-Sofortkauf-Option ist dafür das beste Beispiel. Dem kurzfristigen Glücksmoment förderlich ist es auch, dass man den Weg der Ware bis ins letzte Detail am Computer nachverfolgen kann. Das hebt die Vorfreude.

Man darf sich also nicht wundern, dass der Durchschnittseuropäer inzwischen 10 000 Gegenstände besitzt. Es könnten bald noch mehr werden. Nämlich dann, wenn ein Großteil der Weihnachtsgeschenke nicht mehr wie früher im Laden, sondern per Mausklick gekauft wird. Von der Option, unnütze Ware wieder zurückzuschicken, machen sowieso immer weniger Menschen Gebrauch, wie eine neue Umfrage in Amerika gerade bestätigt hat. Angeblich schicken neun von zehn Online-Konsumenten ihre Ware nie oder fast nie zurück. Wegwerfen oder irgendwo verstauen ist in vielen Fällen die bequemere Variante. Anders sieht es aus, wenn man dieselben Leute mit dem gesammelten Müll konfrontiert, den sie tagtäglich produzieren. Ein Anblick, bei dem einige weinen mussten.

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