Forschungspanne:Kühlungsausfall vernichtet Proben aus mehreren Jahrzehnten

Forschungspanne: Das Karolinska-Institut ist mit weitem Abstand Schwedens größtes Zentrum für medizinische Ausbildung und Forschung.

Das Karolinska-Institut ist mit weitem Abstand Schwedens größtes Zentrum für medizinische Ausbildung und Forschung.

(Foto: Alamy Stock Photos / Jeppe Gustafsson/mauritius images / Alamy Stock P)

Am renommierten Karolinska-Institut wird Jahr für Jahr über den Nobelpreis für Medizin entschieden. Nun hat es an der prestigeträchtigen Einrichtung eine folgenschwere Panne gegeben. Wie konnte das passieren?

Von Alex Rühle, Stockholm

Das Ganze kommt einer Kernschmelze gleich: Am Stockholmer Karolinska-Institut, dem wichtigsten medizinischen Forschungszentrum Schwedens, hat fünf Tage lang ein Kühlungssystem versagt. Jetzt ist biologisches Material zerstört, das über 30 Jahre hinweg gesammelt wurde und laut Institutsmitteilung weltweit einzigartig war.

Das Material lagert in Tiefkühltanks, in denen die Temperatur konstant bei minus 190 Grad gehalten wird. Wie erst jetzt bekannt wurde, hat über die Weihnachsfeiertage die automatische Stickstoffzufuhr ausgesetzt, die die extrem niedrigen Temperaturen garantiert. Als ein Doktorand am 27. Dezember am Forschungszentrum in Huddinge vorbeischaute, bemerkte er, dass in 16 Tanks die Kühlung seit Langem ausgesetzt hatte - eines der Thermometer zeigte 22 Grad.

Das Karolinska-Institut ist mit weitem Abstand Schwedens größtes Zentrum für medizinische Ausbildung und Forschung. Ein Drittel aller zukünftigen Ärzte wird an den zugehörigen Instituten ausgebildet, mehr als 40 Prozent der Forschung finden hier statt. Der Nobelpreis für Medizin wird Jahr für Jahr in den Räumen des Karolinska verkündet. Dass nun ausgerechnet in diesem Forschungsmekka des Nordens solch eine Panne passiert, ist für alle Beteiligten ein Riesenschock.

Sabotage nicht ausgeschlossen

Es dürfte schwierig werden, den oder die Verantwortlichen zu finden. Eva Hellström Lindberg, Professorin für Hämatologie und Oberärztin des Karolinska-Instituts, schrieb in einer Pressemitteilung, in die Aufsicht und Wartung der Tanks seien verschiedene Forscherteams genauso involviert wie ausgelagerte Unternehmen. Lindberg meldete den Schaden der Polizei.

Auf Anfrage der SZ, was für Material genau zerstört worden sei, antwortete Lindberg, die sich gerade in Großbritannien aufhält, per Mail, es gehe einerseits "um kommerzielle Zelllinien, die teils in jahrelanger Arbeit im Labor bearbeitet oder gentechnisch verändert worden sind". Forschende nutzen diese Zellen für Arzneimittelstudien und zur Erforschung von Krankheiten. Andererseits, so Lindberg, sei "primäres Biobankmaterial" zerstört worden, zum Großteil Serienproben, die chronischen Patienten über einen langen Zeitraum hinweg entnommen worden waren, um die Gründe für das Fortschreiten ihrer Krankheit zu verstehen. Lindberg schätzt den entstandenen Schaden auf etwa eine halbe Milliarde Kronen (rund 45 Millionen Euro). Fast noch schlimmer aber ist in ihren Augen, dass jahrelange Forschungsprojekte damit aller Grundlagen beraubt worden seien.

Die große Frage ist natürlich, wie das Ganze passieren konnte. Die Tanks sind so ausgelegt, dass sie vier Tage ohne externe Stickstoffzufuhr kühlen können - der Fehler wurde aber erst nach fünf Tagen entdeckt.

Lindberg hatte, als die Riesenpanne Anfang dieser Woche erstmals publik wurde, Sabotage von außen nicht ausgeschlossen. Nun gab es zwar Mitte Januar tatsächlich groß angelegte Hackerangriffe auf etwa hundert schwedische Behörden und Unternehmen. Der Ausfall am Karolinska begann aber bereits am 22. Dezember. Auf die Frage der SZ nach möglichen Hackern antwortete Lindberg nicht. Andere Mitarbeiter des Instituts äußerten sich skeptisch dazu. So schrieb Matti Sällberg, Dekan und Sprecher des Karolinska-Instituts, in einer Pressemitteilung, es spreche nichts für eine externe Einflussnahme: "Man sollte nie nie sagen, aber bisher deutet nichts darauf hin." Sällberg vermutet die Ursache für den Fehler eher in mangelhaften internen Verantwortungsstrukturen. So gab es anscheinend keinen funktionierenden Bereitschaftsdienst, der die Kühlräume regelmäßig überwacht hätte.

Die schwedische Zeitung Dagens Nyheter schreibt, dass bereits im Frühjahr 2023 schwerwiegende Fehler im Alarmsystem festgestellt worden waren. Die Anlage wurde daraufhin zwar repariert - allerdings mit dem Ergebnis, dass die Mitarbeiter danach immer wieder mit bis zu 40 Fehlermeldungen überschwemmt wurden, obwohl alles einwandfrei funktionierte. So wurde dieser Alarm anscheinend bald schon nicht mehr ernst genommen. Jedenfalls haben alle Mitarbeiter, die über die Weihnachtsfeiertage solche Warnmails erhielten, diese ignoriert.

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