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Insektensterben:Wie das Summen zurückkehren kann

Eine Vielfalt von Insekten aus der Sammlung des Museums fuer Naturkunde in Berlin Foto vom 20 02 20

Im Berliner Museum für Naturkunde kann man betrachten, was im Maisfeld eher nicht zu finden ist: eine Vielfalt von Insekten.

(Foto: Jürgen Blume/imago/epd)
  • Auf der Deutschen Entomologentagung haben Forscher beraten, wie das Insektensterben aufgehalten werden kann.
  • Wichtig wäre zunächst eine umfassende Zählung der Insekten, um den Schwund besser zu verstehen.
  • Doch auch so ließe sich bereits einiges tun - etwa Blühstreifen anlegen, weniger Pestizide einsetzen oder Monokulturen reduzieren.

Der Nachweis des Insektenschwunds hat irgendwie sogar die Insektenforscher überrascht. Zumindest was das Interesse der Öffentlichkeit, der Politik und der Medien angeht. Auf der Deutschen Entomologentagung, die nach eigenen Angaben "die größte Fachveranstaltung entomologischer Forschung innerhalb Europas" ist, gab es deshalb zum ersten Mal eine eigene Vortragsreihe mit dem Titel "Biodiversity Decline and Loss of Insects" - Biodiversitätsverlust und Insektensterben.

Mehr als ein Jahr ist vergangen seit der Veröffentlichung der sogenannten Krefelder Studie, welche die Diskussion um das Insektensterben ausgelöst hat. Aber noch immer fragen sich die Entomologen, die diese Woche in Halle getagt haben, warum ausgerechnet diese Untersuchung derart eingeschlagen hat. Die Autoren der Studie, die im Oktober 2017 in der Fachzeitschrift Plos One erschienen ist, haben gezeigt, dass die Masse der Insekten seit 1989 in weiten Teilen Deutschlands um durchschnittlich 76 Prozent zurückgegangen ist. "Wir warnen seit 25 Jahren vor einem Rückgang der Insekten, haben aber nie die Öffentlichkeit erreicht", sagt Jürgen Gross, Präsident der Deutschen Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie (DGaaE) in Halle.

Die Bundesregierung will nun auf 1000 Flächen Insekten zählen. Andere finden das altmodisch

Das große Interesse hat das zuvor vor sich hindümpelnde Forschungsgebiet der Entomologie praktisch von heute auf morgen in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Sogar die Bundesregierung hat schnell reagiert und ein "Aktionsprogramm Insektenschutz" erarbeitet, das vorsieht, ein Monitoring der Insekten aufzubauen. Eine Art Zählung der Insekten Deutschlands sozusagen. Keine leichte Aufgabe angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland mehr als 33 000 Insektenarten gibt, von denen viele auch noch winzig klein sind. Zum Vergleich: Beim bereits gut etablierten Monitoring der Brutvögel in Deutschland müssen die Wissenschaftler nur etwa 300 Arten beobachten.

Hella Ludwig vom Bundesamt für Naturschutz hat in Halle vorgestellt, wie ein solches Insektenmonitoring aussehen könnte. Ziel des Programms sei unter anderem, "wissenschaftlich belastbare, bundesweit gültige Aussagen" darüber zu treffen, wie die Lage der Insekten in verschiedenen Lebensräumen, von den Wäldern über die Agrarlandschaft bis hin zu den Städten ist. In einem ersten Schritt sollen zunächst häufige Insekten auf 1000 "Stichprobenflächen" erfasst werden, die über das ganze Bundesgebiet verteilt sind. Diese Ergebnisse ließen sich dann auf ganz Deutschland hochrechnen, sagte Ludwig. In einem zweiten Schritt werden dann auch seltene Insektenarten in das Programm aufgenommen. Ähnlich wie beim Vogelmonitoring sollen Ehrenamtliche oder Biologen die Flächen zu bestimmten Zeiten nach genau festgelegten Vorgaben ablaufen und festhalten, welche Kerbtiere sie dort vorfinden.

Wolfgang Wägele, Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn, ist das zu "rückwärtsgewandt". Er würde die Zählung der Insekten gerne automatisieren und ein Netz aus zunächst 100 Messstationen aufbauen, an denen die Insekten automatisch gefangen werden. "Ähnlich den Wetterstationen", sagt Wägele. Im Labor könnte man dann untersuchen, was genau sich in den Fallen verfangen hat.

Intensiv diskutiert wurde in Halle ein Problem, das allen Monitoring-Methoden gemeinsam ist: Es gibt viel zu wenige Fachleute, sogenannte Taxonomen, die überhaupt in der Lage sind, die verschiedenen Insekten voneinander zu unterscheiden, geschweige denn genau zu bestimmen. Die besten Fachleute sind in der Lage, zwischen 1000 und 2000 Arten auseinanderzuhalten. Aber wer hat schon Lust, eimerweise Insekten durchzusehen und zu zählen, wie viele von welcher Art vertreten sind?

"Nicht allein das Problem der Landwirte"

Zur Lösung dieses Problems könnte möglicherweise eine Methode beitragen, die Marita Sacher von der Münchner Advanced Identification Methods GmbH in Halle vorstellte. Das sogenannte Metabarcoding ermögliche es, große Mengen von Proben, in denen sich unterschiedliche Arten von Kerbtieren befinden, innerhalb kurzer Zeit zu analysieren. Dabei wird zunächst das Erbgut aller Insekten extrahiert. Anschließend ist es möglich, artspezifische Gene aus dem Gemisch herauszufischen und mit einer Datenbank zu vergleichen. Als Ergebnis erhält man eine Liste aller Spezies in der Probe. Allerdings lässt sich nicht unterscheiden, ob in der Probe ein, zehn oder hundert Individuen einer Art waren.

Eine andere Methode stellte Aletta Bonn vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig auf der Tagung der Entomologen vor. In einem ihrer Projekte fotografierten die Wissenschaftler den Inhalt der Proben und konnten dann mithilfe einer speziellen Bilderkennungssoftware unter anderem Aussagen über die Anzahl und die Größe der Insekten in jeder Probe machen.

Trotz des großen Forschungsbedarfs waren sich die meisten Entomologen in Halle aber einig, dass genug Wissen vorhanden ist, um schon jetzt zu handeln und etwas gegen den Schwund zu unternehmen. Klar ist, dass die intensive Landwirtschaft eine der Hauptursachen für das große Sterben ist. "Klar ist aber auch, dass das nicht allein das Problem der Landwirte ist", sagt Olaf Zimmermann vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg in Baden-Württemberg. Auch die Verbraucher müssten umdenken und in Kauf nehmen, dass insektenfreundlich produzierte Lebensmittel teurer sein werden. Und die Politik müsse eine insektenfreundliche Bewirtschaftung der Felder auch finanziell belohnen.

"Das größte Problem der Insekten mit der intensiven Landwirtschaft ist nicht der Einsatz von Insektiziden", sagt Gross. Viel schlimmer sei, dass in Deutschland auf riesigen Flächen nur noch einige wenige Pflanzen wie Mais und Weizen angebaut werden, mit denen die Insekten nichts anfangen können, da sie vom Wind bestäubt werden. Solche Flächen sind für viele Kerbtiere wie grüne Wüsten, in die sie gar nicht erst hineinfliegen. "Da braucht es gar keine Insektizide mehr, die Insekten verschwinden auch so", sagt Gross.

Insekten brauchen Blühstreifen oder Hecken. Dort gefällt es auch Fressfeinden von Schädlingen

Das zu verändern, wäre eigentlich gar nicht so schwer. Was die Insekten brauchen, sind Strukturelemente zwischen den riesigen Flächen, Blühstreifen etwa oder Hecken. Das könnte zugleich den Einsatz von Pestiziden reduzieren, weil sich dort auch die natürlichen Feinde der Schädlinge vermehren, die den Bauern das Leben schwer machen. Mit der Auswahl der Pflanzen, die man auf den Blühstreifen sät, lässt sich sogar steuern, welche natürlichen Schädlingsbekämpfer sich dort ansiedeln. Weichkäfer beispielsweise, die Blattläuse fressen, lieben Doldenblütler. Und kleine Schlupfwespen, die ihre Eier in Schädlinge legen und sie dadurch töten, lassen in der Regel nicht lange auf sich warten, wenn in der Nähe des Feldes Buchweizen wächst.

Dass eine solche Umstrukturierung der Landwirtschaft die Insekten retten könnte, legen unter anderem Erfahrungen im brandenburgischen Brodowin nahe. Die Landwirte dort haben nach der Wende auf Ökolandbau gesetzt und die ehemaligen LPGs entsprechend umgestellt. "Entgegen dem bundesweiten Trend geht es den insektenfressenden Vögeln dort gut", sagt Wolfgang Wägele. Die Zahl vieler Vogelarten, die anderswo ums Überleben kämpfen, nehme sogar zu. Das lässt vermuten, dass es dort auch den Insekten besser geht. Auch wirtschaftlich trage sich der Biolandbau in Brodowin. Das Beispiel zeigt, dass Landwirtschaft und Umweltschutz keine Widersprüche sein müssen. Und dass es Landwirten durchaus möglich ist, wirtschaftlich zu arbeiten und gleichzeitig die Insekten zu schützen.