Ig-Nobelpreise 2011:Wenn der Käfer sich mit der Flasche paart

Lesezeit: 3 min

Es gibt sie wirklich, die verrückten Wissenschafter. Und jedes Jahr werden die absurdesten, lustigsten oder dämlichsten Forschungsergebnisse mit einem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Allerdings sind ihre Studien nicht nur zum Lachen - sondern auch zum Nachdenken.

Markus C. Schulte von Drach

Wer meint, der "Mad Scientist", der verrückte Wissenschaftler, der in Filmen, Büchern und Comics häufig auftaucht, sei nur ein Klischee, der irrt sich.

Es gibt sie, die Forscher mit den abgefahrenen Experimenten. Allerdings ist ihr Ziel nicht die Herrschaft über die Welt oder die Zerstörung derselben.

Sie folgen einfach nur ihrer Neugier auf etwas abseitig wirkende Forschungsgebiete. Und ihre Ergebnisse bringen die Laien auf den ersten Blick manchmal vielleicht zum Lachen - auf den zweiten aber zum Nachdenken.

Und wem das gelingt, der hat gute Chancen auf den Ig-Nobelpreis.

Der Preis, der jedes Jahr an der amerikanischen Harvard University in Cambridge vergeben wird, versteht sich allerdings nicht als eine Art Negativauszeichnung wie die Goldene Himbeere für Filme.

Vielmehr soll das "Ungewöhnliche gefeiert und das Einfallsreiche geehrt werden - und das Interesse an Wissenschaft, Medizin und Technologie gefördert". Das stellt die Organisation Improbable Research, die den Preis verleiht, auf ihrer Homepage fest. Hin und wieder allerdings ist der Preis doch eine Ohrfeige für Personen, die wissenschaftliche Methoden auf eher pseudowissenschaftliche Weise einsetzen.

Entscheidung beim Pinkeln

Ausgezeichnet wurden im Bereich Medizin diesmal gleich zwei Gruppen, die sich mit der Frage beschäftigt hatten, wie Harndrang die Entscheidungsfähigkeit beeinflusst.

Mirjam Tuk, Luk Warlop

Mirjam Tuk und Luk Warlop von der Universität von Twente haben untersucht, wie sich der Harndrang auf die Entscheidungsfähigkeit auswirkt.

(Foto: AP)

Die Gruppe um die Niederländerin Mirjam Tuk hatte festgestellt, dass Menschen, die pinkeln müssen, weniger impulsiv sind und bessere Entscheidungen treffen können.

Der Amerikaner Peter Snyder allerdings hatte mit seinem Team herausgefunden, dass das Gefühl, ganz dringend pinkeln zu müssen, sich negativ auf die Entscheidungsfähigkeit auswirkt.

Riskanter Flaschen-Sex

Australischer Käfer paart sich mit Flasche

Die Ähnlichkeit zwischen Flasche und Käfer ist unverkennbar.

(Foto: Darryl Gwynne)

Spät haben die australischen Biologen Darryl Gwynne und David Rentz mit dem Ig-Nobelpreis endlich die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen.

Bereits vor zwanzig Jahren hatten sie beobachtet, dass bestimmte Käfermännchen in Australien einen tragischen Hang dazu besitzen, sich mit den Bierflaschen einer bestimmten Brauerei zu paaren.

Die Behälter, auf die die Käfer offenbar häufig am Straßenrand stoßen, weisen nicht nur die gleiche Farbe auf wie die weiblichen Tiere. Auch zeigen die Flaschen am Boden Muster, die an jene erinnern, die die erheblich kleineren Weibchen tragen.

Da die Männchen nach dem Motto handeln: "Je größer desto fruchtbarer", sind die Flaschen für sie offenbar unwiderstehlich.

Tragisch ist diese Konstellation nicht nur wegen der vergeblichen Liebesmühe der Tiere. Die Käfer werden auch häufig von Ameisen getötet, die vom Geruch des Bieres angelockt werden.

Missverstandenes Seufzen

Karl Halvor Teigen receives an Ig Nobel prize at the annual Ig Nobel prize ceremony at Harvard University in Cambridge, Massachusetts

Karl Teigen (links) von der Universität von Oslo, Norwegen, erhält den Ig-Nobelpreis für seine Seufzer-Forschung.

(Foto: Reuters)

Für seine Studien zu den Ursachen des menschlichen Seufzens wurde der Psychologe Karl Teigen von der Universität von Oslo, Norwegen, ausgezeichnet. Seine überraschende Erkenntnis:

Während man das Seufzen eines Mitmenschen meist als Hinweis auf Traurigkeit interpretiert, handelt es sich eigentlich um ein Zeichen von Frustration.

Im Bereich Physiologie ging der Preis an Biologen um Ludwig Huber aus Österreich, die festgestellt haben, dass bei Rotfuß-Schildkröten Gähnen - anders als bei Menschen - nicht ansteckend ist. Das Forschungsgebiet der Experten ist eigentlich soziale Intelligenz.

Für ihre Versuche mit dem Gewürz Wasabi wurden japanische Forscher ausgezeichnet.

Sie haben festgestellt, wie hoch die Dichte von Wasabi-Partikeln in der Luft sein muss, um schlafende Menschen in Gefahrensituationen zu wecken.

Blindfahrt

Späten Ruhm gewann John Senders mit dem Ig-Nobelpreis. Der Kanadier hatte bereits in den 60er Jahren Versuchspersonen mit einem Helm mit undurchsichtigem Visier in ein Auto gesetzt.

Die Probanden sollten den Sichtschutz nur anheben, wenn sie meinten, unbedingt auf die Straße schauen zu müssen.

Das, so hatte Senders festgestellt, wurde umso häufiger notwendig, je mehr Verkehr auf den Straßen herrschte.

Heute ist seine Studie wieder interessant, da manche Menschen zwar kein dunkles Visier vor der Nase haben, aber ein Handy am Ohr, das manchmal wirkt wie ein Brett vorm Kopf.

Mathematik des Weltuntergangs

Leichtathletik-EM - Hammerwurf Männer

Hammerwerfern wird nicht so schnell schwindelig wie Diskuswerfern. Warum das so ist, das haben niederländische Forscher herausgefunden.

(Foto: dpa)

Der Physikpreis schließlich ging an eine Gruppe von Niederländern, die herausgefunden haben, wieso Diskuswerfern schwindelig wird, Hammerwerfern aber nicht.

Und den Preis für Literatur erhielt John Perry von der Stanford University für die Beobachtung, dass man, um viel zu erreichen, immer an wichtigen Problemen arbeiten sollte, um zu verhindern, dass man sich mit einem noch wichtigeren Problem beschäftigt.

Bemerkenswert war, dass kein einziger der Sieger im Bereich Mathematik den Preis entgegennehmen wollte.

Es handelte sich um eine Reihe von Weltuntergangspropheten, die das Ende unseres Planeten in den vergangenen Jahrzehnten immer und immer wieder errechnet hatten - ohne dass etwas passierte.

Das Ig-Nobelpreiskomitee bedankte sich mit der Auszeichnung für die Lehre, dass man mit Mathematik vorsichtig umgehen muss.

Schützenpanzer gegen Mercedes

Nicht an einen Wissenschaftler, sondern einen Politiker ging der Friedenspreis:

Arturas Huokas, Bürgermeister der Hauptstadt von Litauen, Vilnius, hat demonstriert, wie man Autofahrer davon abhalten kann, ihr Gefährt im Parkverbot abzustellen.

Für eine Videokampagne walzte er mit einem Schützenpanzer einen Mercedes platt, der einen Fahrradweg blockierte.

Ganz friedlich.

Rich Roberts, Thomas Michel

Einer von sieben echten Nobelpreisträgern, die an der Zeremonie teilnahmen: Der britische Mediziner Richard Roberts (links), hier zusammen mit Professor Thomas Michel von der Harvard Medical School.

(Foto: AP)

Oper zur Chemie des Kaffees

Die meisten Gewinner - diesmal waren es sieben von zehn - fühlen sich geehrt genug, um auf eigene Kosten zur Preisverleihung nach Cambridge zu reisen.

Welche Bedeutung der Preis unter Wissenschaftlern tatsächlich hat, das belegt die Tatsache, dass die Gewinner ihren Preis häufig von Nobelpreisträgern entgegennehmen dürfen.

Sieben solche Nobelpreisträger kamen diesmal im historischen Sanders Theatre der Universität auf die Bühne, wo nicht nur die Preisverleihung stattfand, sondern auch noch die Mini-Oper "Chemist in a Coffee Shop" aufgeführt wurde, in der es - Überraschung - um die Chemie des Kaffees ging.

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