AKW Hamaoka in Japan "Gefährlichstes Kraftwerk der Welt" soll wieder ans Netz

Ein geplanter gigantischer Schutzwall soll verhindern, dass der Reaktor von Hamaoka von einem Tsunami getroffen wird

Das Kernkraftwerk Hamaoka gilt als das gefährlichste der Welt. Tokio will es wieder in Betrieb nehmen - Japans Atomwirtschaft spekuliert bereits auf eine Renaissance.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Schnee liegt in der Luft, ein steifer Wind bläst über die Halbinsel Omaezaki. Trotz der Eiseskälte ziehen einige Surfer ihre Bahnen durch die grollende Brandung. Ein Fischkutter stampft gemächlich zum Hafen, beim Leuchtturm haben Leute ihre Ferngläser auf eine Kolonie Seevögel gerichtet. "Langer Strand" heißt dieser schroff-schöne Küstenabschnitt im Osten Japans.

Wenige Hundert Meter weiter, und nur etwa 200 Kilometer von Tokio entfernt, steht das Kernkraftwerk Hamaoka, das in Japan als das gefährlichste der Welt gilt. 2005 sagte ihm der Seismologe Katsuhiko Ishibashi von der Uni Kobe eine Katastrophe voraus: In einem Gutachten für das Parlament nahm er den Ablauf der Atomkatastrophe von Fukushima I Schritt für Schritt vorweg: Erst beschädige das Erdbeben den Meiler, dann der Tsunami, in der Folge breche die Kühlung zusammen, es werde zu Wasserstoffexplosionen kommen, zur Kernschmelze und zur weiträumigen radioaktiven Verseuchung, sagte Ishibashi voraus.

Er machte nur einen Fehler. Er erwartete die Katastrophe in Hamaoka, nicht in Fukushima.

Der Nankai-Graben, der im letzten Jahrtausend etwa alle hundert Jahre ein Megabeben verursachte, liegt einige Dutzend Kilometer vor der Küste. Tokios staatliche Erdbebenforscher rechnen mit einem Beben der Stärke 9,1, das einen Tsunami von bis zu 34 Meter Höhe verursachen und bis zu 320 000 Menschen in Lebensgefahr bringen würde.

Atomfreundlicher Premier

Zwei Monate nach Fukushima setzte der damalige Premier Naoto Kan durch, dass Chubu Electric, die Betreiberin von Hamaoka, das AKW abschaltete. Wie auch Fukushima I verfügte es über keinen nennenswerten Tsunami-Schutz.

Inzwischen regiert Premier Shinzo Abe, ein Anhänger der Atomkraft, der im Ausland für Japans Atomwirtschaft wirbt. Abe drängt die neue, strengere Aufsichtsbehörde, die Gesuche zum Neustart stillgelegter Reaktoren möglichst rasch zu bewilligen. Andere Energiefirmen ermuntert er, ihre Meiler vorzubereiten und ebenfalls Gesuche zum Wiederanfahren einzureichen. Chubu Electric hat das im Februar getan. 2013 hat Japans Atomwirtschaft zehn Milliarden Euro ausgegeben, um Kraftwerke nachzurüsten. Dieses Jahr wird dieser Betrag übertroffen.

Drei Jahre nach Tsunami und Super-GAU

Japan weint

Die Mehrheit der Japaner ist gegen Kernenergie. Nachdem am vergangenen Wochenende mehrere Anti-AKW-Demos stattfanden, bestätigte Abe - ausgerechnet am Vorabend des Jahrestages der Tsunami- und Nuklearkatastrophe - im Parlament, er werde "sichere Meiler" möglichst bald wieder ans Netz lassen. Zuvor werde man Anwohnern deren Sicherheit und Notwendigkeit erklären. Unterdessen wehren sich die Betreiberfirmen derzeit noch vehement gegen neue Sicherheitsauflagen: In einigen Fällen bestreiten sie sogar die Existenz von nachgewiesenen Erdbebenbruchlinien. Andere schummeln einfach. "Strenge Regeln alleine nützen nichts", sagt der Chef der neuen Atomaufsichtsbehörde, Shunichi Tanaka. "Die Betreiberfirmen brauchen eine fundamental andere Sicherheitskultur."