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Halluzinationen bei der Körperwahrnehmung:"Wer von denen bist du?"

"Während Double-Illusionen scheint vor allem der Scheitellappen des Gehirns ein Eigenleben zu führen", sagt Blanke. Hier befindet sich die Schaltzentrale der Körperempfindung, der somatosensorische Cortex. Das ist die Empfängerregion für die Messdaten der Rezeptoren in Haut, Muskeln und Sehnen, die Temperatur, Berührung, Vibration und die eigene Bewegung wahrnehmen. Hier sind auch Landkarten des Körpers hinterlegt, jede Hautregion, jede Extremität hat eine eigene Gruppe benachbarter Nervenzellen, die speziell für seine Aufzeichnungen zuständig ist. Für jeden der vier Körpersinne liegt auf der Hirnrinde ein eigener Projektionskörper, ein sogenannter Homunculus. Diese Versionen unseres Selbst, meint Blanke, könnten so etwas wie die Zeichenvorlage für die verschiedenen Doppelgänger sein.

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das Gehirn

Jeder dritte Mensch, dem ein Körperteil amputiert werden musste, hat weiterhin Empfindungen in diesem Körperteil, denn die für ihn zuständigen Nervenzellen sind weiterhin aktiv. Sie finden Anschluss an benachbarte Netzwerke und zeichnen, sobald von dort Erregungswellen auf sie übergreifen, das Empfindungsbild des verlorenen Körperteils nach.

Körperdubletten, die allein aus dem somatosensorischen Cortex zitiert werden, lassen die vielleicht verstörendste Form dieser Phantome entstehen: den Eindruck einer unsichtbaren Anwesenheit. So berichtete der Züricher Neurologe Peter Brugger von einer Patientin, die seit einigen Wochen in ihrer Nähe eine Anwesenheit bemerkte. "Jemand, der sich meinen Berührungen entzieht und der nicht mit mir spricht, der mir aber nicht mehr von der Seite weicht." Sie hielt dieses Wesen für ihren verstorbenen Mann.

Erstaunen und Abscheu steigen in ihm auf, als er die Hand auf der weißen Bettdecke bemerkt. Sie liegt da als Spiegelbild seiner rechten Hand, aber ist so lang, so leblos wie eine tote Schlange. Dann spürt er, wie ihn jemand aus dem Klinikbett drängt. Er fällt zu Boden. Er denkt: Jetzt hat der Fremde in meinem Bett gewonnen.

Der Wiener Psychiater Otto Pötzl beschrieb 1925 erstmals den Fall eines Schlaganfallpatienten, der seine linke Hand nicht mehr als die seine erkannte und gleichzeitig dachte, an seiner Seite läge ein Unbekannter, der ihn aus dem Bett stoßen wollte. Diese sogenannte Somatoparaphrenie, die Vorstellung, eigene Körperteile seien fremd, tritt immer dann auf, wenn Gewebe in der rechten Hälfte des Scheitelhirns zerstört ist, wenn es also schon bei der Entstehung des Körperbildes selbst hakt.

Gesichtslos und graue Zwitterwesen. Der Mann hat nur noch Blicke für diese Schemen aus dem Projektor, hüpft, gluckst vor Begeisterung. "Wer von denen bist du?", fragt der Forscher. "Der dritte von rechts natürlich", sagt er. "Die anderen hampeln doch nur."

Was ein Körper haben muss, damit sich der Betrachter etwa beim Blick in den Spiegel mit ihm identifiziert und ihn vielleicht sogar für seinen eigenen hält, das untersuchen die Lausanner Forscher anhand von Avataren, virtuellen Stellvertretern der Versuchspersonen. Ihr Proband hat recht: Nur der dritte von rechts macht exakt dasselbe wie er, alle andern agieren mit einer Verzögerung von einigen Sekundenbruchteilen. Das reicht, um sie als Doppelgänger zu disqualifizieren. "Die Umrisse dieser Puppen hingegen sind austauschbar, äußere Ähnlichkeiten sind nicht nötig, nicht einmal menschliche Silhouetten", sagt Taj Tedi, als IT-Ingenieur für die Programmierung der Avatare zuständig. "Wesentlich sind die Bewegungen."

700 Kameras sind in dem Laborraum installiert. Sie verfolgen exakt kalibrierte Infrarotsignal-Punkte auf einem schwarzen Spezialanzug. Die Bewegungen dieser Punkte werden in Sekundenbruchteilen zu den Rechnern und von dort auf die Avatare übertragen, die auf der Leinwand vor dem Probanden den Stellvertreter geben. Der Arzt Lukas Heydrich arbeitet in der Avatarkabine mit Menschen, die am Capgras-Syndrom leiden. Diese können zwar ihre Familienmitglieder wiedererkennen, halten sie aber für Doppelgänger. "Solche Störungen könnten damit zusammenhängen, dass ihr Gehirn vertraute und fremde Bewegungen nicht mehr so gut unterscheiden kann", sagt er.

Wie Wissenschaftler um Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung entdeckt haben, sind solche Verwechslungsfehler im Wahrnehmungsprozess des Gehirns angelegt. "Am Anfang wird einfach nur erkannt, ob es sich um einen Arm oder um ein Bein handelt", sagt Singer, "aber nicht, von wem es stammt." Die endgültige Klassifikation findet in einem Netzwerk statt, das zwischen den Homunculi im Scheitellappen und den analytischen Regionen hinter unserer Stirn hin- und herschaltet. "Das, was man Selbst nennen könnte, liegt erst am Ende dieses Weges, das ist ein Konstrukt unseres Frontalhirns", sagt Singer

Bei Schizophrenen konnte Heydrich zeigen, dass sich die Grenze verschiebt zwischen dem, was noch als eigene Bewegung akzeptiert wird und dem, was als fremd gilt. Während gesunde Versuchspersonen angesichts eines Avatars, der ihre Bewegung leicht verändert nachahmt, nur Abweichungen von weniger als zehn Grad tolerieren, werden Schizophrene erst bei einer Abweichung von 30 Grad und mehr aufmerksam.

Ich löse mich auf. Mein Bauch zerfließt, meine Arme und Beine verschwinden. Ich möchte schreien, aber da ist nichts mehr, was dem Willen gehorcht. Einsamer kann man nicht sein.

"Ein epileptischer Patient berichtete mir, dass sein Körper während der Anfälle verschwindet", sagt Heydrich. Die Epilepsie ging von dem Bereich aus, der von Singer als möglicher Sitz des Selbst verdächtigt wird, vom frontalen Cortex. Und sie weist auf ein damit verbundenes System, welches das Gefühl fürs Selbst mit der Analyse von Bewegungen verknüpft. Um uns zu versichern, dass wir existieren, beobachten wir offenbar sorgfältig unsere Bewegungen.

Bei allem, was man heute über den Weg weiß, auf dem das Gehirn die verschiedenen Aspekte unseres Selbstgefühls konstruiert, drängt sich der Verdacht auf, dass unser Eindruck, ein einziges und eindeutiges Ich zu besitzen, vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes ein Hirngespinst ist. Aber es ist offenbar nötig, um uns Sicherheit zu geben. "Ob sie nun sich selbst einmal verdoppelt gesehen haben, einen unsichtbaren Begleiter spüren oder sich nicht mehr im Spiegel erkennen, das sind so seltsame Wahrnehmungen, dass immer ein irritierender Riss zurückbleibt", sagt Blanke.