Wahlen und Psychologie:Bizarre Wählerentscheidungen

Noch kämpfen die Politiker wortreich um unentschlossene Wähler. Doch wer nicht aus politischer Überzeugung abstimmt, entscheidet oft nach absurden Kriterien.

Berit Uhlmann

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Noch kämpfen die Politiker wortreich um die unentschlossenen Wähler. Doch wer nicht aus festen politischen Überzeugungen heraus abstimmt, entscheidet oft nach absurden Kriterien.

Kriterium: Tiefe Stimme

Die Psychologen Stanford Gregory und Timothy Gallagher haben die Stimmen amerikanischer Präsidentschaftskandidaten aus den Wahlkampagnen von 1960 bis 2000 verglichen. Ihre Spektralanalyse ergab: In jedem Fall gewann der Kandidat mit der tieferen Stimmfärbung.

Die Verlierer hatten eine größere Variationsbreite in der Stimme, die auch höhere Frequenzen umfasste und damit weniger bestimmt und dominant wirkte. Männer, die sich überwiegend in tiefen Tönen äußern, werden dagegen mit Dominanz und einem hohen Testosteronspiegel in Verbindung gebracht. John Wayne brachte das Erfolgsrezept auf den Punkt, als er riet, ein Mann solle "mit tiefer Stimme, langsam und nicht zu viel reden".

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Kriterium: Kantiges Kinn

Wie instinktiv die Wähler vorgehen, zeigte auch der Psychologe Alexander Todorov von der Universität Princeton. Um Kandidaten allein auf ihre äußeren Aspekte zu reduzieren, wählte er wenig bekannte US-amerikanische Gouverneursanwärter und präsentierte deren Fotos seinen Versuchspersonen nur eine Zehntelsekunde lang.

Bei der Frage, welchen von jeweils zwei Kandidaten sie für kompetenter hielten, nannten über 70 Prozent der Probanden den Politiker, der auch in der realen Wahl besser abgeschnitten hatte. Es handelte sich dabei zumeist um Männer mit ausgeprägt maskulinen, markanten Gesichtern. Auf der Verliererseite fanden sich Politiker mit eher rundlichen Zügen und großen Augen - Antlitze, die feminin oder gar kindlich anmuten.

Die Macht des männlichen Kinns demonstrierte auch der Liverpooler Psychologe Anthony Little. Er manipulierte das Foto eines neutralen Gesichts, indem er dessen Züge den Gesichtsformen von George Bush und dem Herausforderer John Kerry annäherte, ohne dass die Politiker erkennbar geworden wären. Die Versuchspersonen bewerteten das Bush-ähnliche Gesicht als deutlich maskuliner und gaben zu 56 Prozent an, ihn zum Präsidenten wählen zu würden. Befragt, für wen sie in Kriegszeiten stimmen würden, entschieden sich sogar 74 Prozent für den männlicher wirkenden Kandidaten.

Auch in diesem Fall scheinen sich die Wähler am Testosteron zu orientieren, schreibt der Forscher. Denn wie die tiefe Stimme ist auch ein kantiges Gesicht ein relativ verlässlicher Indikator für einen hohen Spiegel des männlichen Hormons.

Doch wie entscheiden Wähler, wenn Frauen zur Wahl stehen?

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Kriterium: weibliche Reize

"Wäre Cleopatras Nase etwas kürzer gewesen, hätte heute die ganze Welt ein anderes Gesicht" - so beginnt Joan Chiao von der Northwestern University in Evanston ihre Forschungsarbeit über die Kriterien, nach denen Frauen gewählt werden. Sie zeigte Versuchsteilnehmern Fotos von eher unbekannten Politikern und Politikerinnen und ließ sie unter anderem die Attraktivität der Gesichter bewerten. Anschließend sollten Probanden aus Paaren ihre Favoriten für das Amt des US-Präsidenten auswählen.

Die simulierten Abstimmungsergebnisse entsprachen tatsächlichen Wahlergebnissen. Unter den weiblichen Siegern fanden sich - anders als bei den Männern - überwiegend die Politikerinnen, die sehr hohe Punkte für Attraktivität erhalten hatten. Vor allem männliche Versuchsteilnehmer favorisierten hübsche Kandidatinnen. Offenbar wenden sie in Ermanglung anderer Erfahrungen Kriterien an, die sich in der Partnerwahl bewährt haben, vermutet die Forscherin.

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Kriterium: Namensposition auf dem Stimmzettel

Auch schlichte Gewohnheit ohne jeden Bezug zur Politik kann den Ausschlag bei der Wahl geben, wie der Politikwissenschaftler und Psychologe Jon Krosnick von der Ohio State University feststellte. Er ging von der Beobachtung aus, dass Beantworter von Fragebögen dazu neigen, häufiger die erste Antwortmöglichkeit anzukreuzen und fragte sich, ob das auch für das Ausfüllen von Stimmzetteln gelte.

Krosnick analysierte in mehreren Arbeiten die Anordnungen der Kandidaten auf den Stimmzetteln, die in den US-Staaten ganz unterschiedlichen Prinzipien folgen. Er fand heraus, dass die Kandidaten jeweils dort besser abschnitten, wo ihr Name weiter oben stand. Der Unterschied zwischen der oberen und einer unteren Position erbrachte im Schnitt 2,5 Prozent mehr Wählerstimmen.

Wer eine solche Entscheidung für absurd hält, der sollte sich anschauen, was der Psychologe Brett Pelham herausgefunden hat.

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Kriterium: Name

Pelham von der State University in Buffalo ist durch eine ganze Reihe von Analysen zu dem Schluss gekommen, dass die meisten Menschen diejenigen Personen, Orte und Berufe favorisieren, deren Bezeichnungen ihrem eigenen Namen ähneln. Schon der gleiche Anfangsbuchstabe genügt, um Sympathie auszulösen. Dass dies auch für politische Entscheidungen gilt, fand der Wissenschaftler heraus, als er Spendenverzeichnisse des Präsidentschaftswahlkampfes 2000 durchforstete: Amerikaner, deren Familienname mit B begann, gaben besonders häufig Geld für George Bush. Ihre Landsleute, die ein G im Anlaut ihres Namens trugen, unterstützten dagegen öfter den Konkurrenten Al Gore.

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Und die Alternativen?

Derartige Kriterien zur Meinungsbildung erscheinen aberwitzig, doch stehen dem Wähler, der sich nicht an eine Partei gebunden fühlt, überhaupt verlässliche, objektive Entscheidungshilfen zur Verfügung? Als am aussagekräftigsten gelten Interviews mit den Wahlkandidaten. 57 Prozent der Bundesbürger lassen sich von ihnen am ehesten bei ihrer Entscheidung leiten. Doch ausgerechnet die Verlässlichkeit der Interviews hat die Forschung düster bewertet.

Eine Analyse politischer Interviews in Großbritannien ergab, dass 60 Prozent der Antworten nicht auf die Frage des Interviewers eingingen. Bei geschlossenen Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden sollten, wichen Politiker sogar zu 80 Prozent aus. In Fällen, wo ein Publikum während der Befragung anwesend war, sank die Vermeidungsrate, wie eine andere Analyse ergab. Allerdings beantworteten die Politiker noch immer 53 Prozent aller Fragen nicht.

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